Adele
Jahrgang 1962
Verwaltungsangestellte, halbtags tätig, Künstlerin
verheiratet, zwei Kinder, getrennt lebend
mit acht Jahren von einem außerhalb der Familie stehenden Mann missbraucht

Die Malerei hat Adele ihr Leben hindurch begleitet. Allerdings ist sie Autodidaktin. Mit 20 Jahren begann sie, sich mit Seidenmalerei auseinanderzusetzen und gab dazu jahrelang Kurse an der Volkshochschule. Schon immer war für Adele Malen wichtig, denn es gab ihr Ruhe und Gelassenheit und machte zudem Spaß. Zum damaligen Zeitpunkt gab es ihr auch Gelegenheit, eigenes Geld zu verdienen. Damals war ihr allerdings noch nicht bewusst, wie wichtig die Malerei für sie werden sollte und welche Ausdrucksmöglichkeit ihr diese bieten würde, um mit der Zerrissenheit, ihren Ängsten, ihren Depressionen klar zu kommen. Die Malerei wurde im Laufe der Zeit ein Ventil für sie, ihre tiefen, dunklen Gefühle non-verbal auszudrücken und damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch zuerst malte sie einmal gefällige, unbedeutende Bilder, die zwar bei einem bestimmten Publikum Anklang fanden, jedoch keine tieferen menschlichen Aussagen beinhalteten.
Adele heiratete früh: Ihren Mann lernte sie mit 16 kennen, mit 17 war sie schwanger, mit 18 verheiratet. Mit 27 Jahren bekam sie ihr zweites Kind. Sie arbeitete halbtags als Verwaltungsangestellte.

Eigentlich habe ich es immer gewusst, ganz tief in mir. Ich wusste, etwas ist anders an mir, meine Gefühle sind anders als die der Menschen, die ich kenne. Meine Gefühle sind heftiger, in jeder Beziehung. Meine Liebe ist, wenn ich liebe, grenzenlos; mein sich gut fühlen spielt sich lachend auf Wolke sieben ab; meine Trauer stürzt mich in tiefe Verzweiflung und meine Angst, ja, meine Angst ist so stark, dass sie meine Seele frisst und meinen Körper. Das Wissen um die Geschehnisse in ihrer Kindheit hatte sie wohlweislich in einen großen Topf, den sie mit einem passendem Deckel wohl verschlossen hielt, begraben. Es gab Zeiten in der Pubertät und auch in den ersten Jahren ihrer Ehe, da hatte sie vergessen, dass es diesen Topf gab. Manchmal tauchte dieser Topf jedoch unvermittelt auf und der Deckel lüftete sich ein wenig, wenn z.B. in den Medien von Missbrauch und Vergewaltigung die Rede war. Dann kamen Aggressionen, die unverarbeiteten Erinnerungen hoch, doch keiner verstand sie, schon gar nicht ihr Mann. Sie konnte auch nicht direkt sagen, was es eigentlich war, da sie die Erinnerungen fein säuberlich weggepackt hatte.
Dann wurde der Bruder des Täters Arbeitskollege. Sobald sein Name fiel, war es, als würde eine Hand nach meinem Herzen greifen und zudrücken. Mich überfiel sofort eine Übelkeit und es dauerte manchmal Tage, bis ich wieder einen Bissen essen konnte. Oft kamen nach solche Begegnungen dann schreckliche Träume in der Nacht. Ich erwachte aus diesen Flashbacks völlig verängstigt, hatte Stallgeruch in der Nase und mir war schlecht. Es kam vor, dass ich tagelang mit einem beklemmenden Angstgefühl herumlief und kein Essen herunterbekam. Trotz aller dieser Signale meines Körpers und meiner Seele dachte ich oft, dass ich mir alles einbilde dass alles vielleicht nur ein Spiel war und ich eine schmutzige Fantasie besitze. Nie in ihrem Leben hatte Adele von diesen Kindheitserlebnissen gesprochen, sie wusste nicht genau, was wirklich geschehen war. Sie glaubte, alles sei ihre Schuld gewesen.
Sie zog sich immer mehr von ihrem Mann zurück, wurde unbequemer, funktionierte nicht mehr in der gewohnten Weise. Sie aß wochenlang kaum etwas, ernährte sich nur von Milch und magerte auf 45 Kilogramm ab. Aus der fröhlichen Frau war ein ausgemergeltes Etwas geworden, dass bei jeder Gelegenheit weinte und sich immer mehr zurückzog. In dieser Zeit der Zurückgezogenheit, Adele ging nicht mehr aus, verbrachte sie die meiste Zeit in ihrem Atelier und besuchte nur noch selten Freunde.
In dieser Zeit begann sie auch Gedichte zu schreiben: wilde, emotionale, verzweifelte Gedichte einer einsamen Frau, deren stumme Hilfeschreie keiner hörte. In diesen Gedichten konnte sie ihre kranke, missbrauchte Seele sprechen lassen, ihre Schutzlosigkeit darstellen, die Erinnerung, die wie eine Zeitbombe in ihr tickte, darstellen.
Im Laufe der Zeit nahm der Druck in dem Topf immer mehr zu bis dann auf einmal der Deckel in einer gewaltsamen Explosion davonschleuderte. Anlass dafür war der Sexualmord an einem Mädchen, der durch die Medien ging. Alle sprachen davon. Immer wieder hob sich der Deckel ein wenig, damit Dampf aus dem Topf weichen konnte. Mit diesem Dampf kamen die Albträume wieder, zerrten und rissen an Adeles Seele. Verzweifelt versuchte sie den Deckel auf dem Topf zu halten, ging zur Arbeit, verrichtete ihre Tätigkeiten wie in Trance und war völlig erschöpft. Aber der Druck wurde immer stärker. Niemand merkte etwas von ihren Qualen, sie verrichtete die Arbeit wie gewohnt, war noch geschwächter, noch verzweifelter.
Doch immer, wenn das Thema in Gesprächen auf den Sexualmord kam, wusste Adele, dass sie den Deckel nicht mehr lange auf dem Topf halten konnte. Und so war es auch. Bei einem guten Freund ergoss sich dann in einer wilden Explosion der Inhalt ihrer Seele, der sich überall breitgemacht hatte. Und plötzlich war mir bewusst, dass der Deckel nie mehr zurück auf den Topf konnte, denn der Inhalt hatte sich überall in mir breit gemacht, füllte mich mit Wut, Angst und Verzweiflung. Und dann schrie ich es heraus, tobte, weinte, schlug um mich, zitterte am ganzen Leib und brach völlig zusammen. Adele hatte Glück, denn dieser Freund war ein verständnisvoller Mensch, hörte ihr zu, brachte sie zur Ruhe, redete mit ihr und überzeugte sie, eine Therapie zu beginnen. Für Adele war diese Reaktion wunderbar. Heute kommt ihr es so vor, als habe dieser Mensch ihr Leben gerettet. Die folgende Nacht war furchtbar. Träume, Erinnerungsfetzen wirbelten in ihr herum. Aber da gab es auch das Gefühl der Erleichterung. Adele hatte es gesagt: Es war herausgekommen.
Zuhause bemerkte wieder niemand etwas von dem, was in Adele vorging. Wie immer ging sie zur Arbeit. Ihre Seele war völlig ausgelaugt vom Schmerz und ihr Körper vom Hungern. Wieder hatte sie Glück. Sie konnte sich schon am nächsten Tag mit einer Therapeutin treffen. Doch ihre Gedanken quälten sie. Was sollte sie der Therapeutin sagen? Was war Wirklichkeit? Was hatte Adele sich in ihrer verdorbenen Fantasie ausgedacht? War Adele vielleicht an allem selber Schuld gewesen? War es nur ein Spiel und sie tat diesem Mann Unrecht? War sie vielleicht einfach nur hysterisch? Aber warum konnte sie nicht essen? Warum ging es ihr dann so schlecht?
Adele hat eine Freundin, mit der sie zusammen aufgewachsen war. Obwohl diese Freundin heute weit entfernt wohnt, ist sie immer etwas Besonderes für Adele gewesen und bis heute geblieben. Um die Beziehung zu ihr zu beschreiben, erklärt Adele es mit den Worten Aristoteles: Wir sind eine Seele in zwei Körpern. Endlich rief Adele diese Freundin an, um ihr nach 25 Jahren zu erzählen, was in jenem Sommer mehrmals geschehen war und warum sie nicht einmal ihr es anvertrauen konnte. Als Adele ihre vertraute Stimme am anderen Ende der Telefonleitung hörte, begann sie sofort zu weinen. Sie stotterte, deutete an, weinte wieder. Und plötzlich begann auch die Freundin zu weinen, laut, verzweifelt, wütend. Und dann schrie die Freundin den Namen des Täters durch Telefon. Es dauerte bis Adele begriff. Nun war es Realität. Nichts war ausgedacht. Er hatte es auch mit ihrer Freundin gemacht.
Nun musste sie sich wirklich mit dem Missbrauch auseinandersetzen. Adele geht jetzt regelmäßig zur Therapie. Sie fühlt sich bei ihrer Therapeutin aufgefangen und verstanden. Primäres Ziel der Therapie war, dass Adele erst einmal einigermaßen in ihrem Leben zurechtkommen kann. Ihr Gewicht ist gestiegen. Sie isst wieder normal, hat jedoch bei jedem kleinen Problem Ess-Störungen, sodass ihr Gewicht extrem hin und her schwankt. Adele kann wieder lachen, sogar mit dem Herzen an dem Ort sein, an dem sie sich gerade befindet. Das konnte sie vorher nie. Sie kann abschalten und den Augenblick genießen, ohne mit den Gedanken schon wieder woanders zu sein.
Durch die Therapie ist mir vieles klarer geworden. Meine Verhaltensweisen, meine Ängste, meine enorme Verlustangst, die extrem starke Abhängigkeit von der Zuneigung anderer Menschen. Dadurch, dass ich jetzt die Zusammenhänge zwischen meinen Verhaltensmustern und dem Missbrauch erkenne, versuche ich natürlich, diese Verhaltensmuster zu durchbrechen. Dadurch bin ich für meine Umwelt, besonders für meine Familie, die meine Reaktionen auf bestimmte Verhaltensweisen genau kannte und dies auch oft ausgenutzt hatte, nicht mehr so leicht manipulierbar. Adele funktioniert nicht mehr wie früher und dadurch, dass die Verlustangst mehr und mehr aus ihrem Leben verschwindet, ist sie auch nicht mehr so leicht erpressbar. Sie entschuldigt sich nicht mehr für Dinge, für die sie nichts kann und geht der Konfrontation nicht mehr so schnell aus dem Weg. Früher tat sie es, nur um zu vermeiden, dass sie verletzt wird.
Für ihren Mann ist dies alles unverständlich. Er kann weder mit dem Missbrauch, noch mit ihrem Verhalten umgehen. Er war auch nicht bereit, mit in die Therapie zu gehen oder sich sonstwie helfen zu lassen. Er hat weder mit eingeweihten Freunden noch mit eingeweihten Verwandten darüber geredet. Seine Gedanken drehen sich im Kreis, ohne Impulse von außen zu erfahren, daher reden Adele und ihr Mann aneinander vorbei. Zuerst zog Adele aus dem Eheschlafzimmer aus, weil sie die intimen Berührungen nicht mehr ertragen konnte. Niemals war sie richtig entspannt, niemals konnte sie sich fallenlassen, oft hat sie nur still gehalten. Mittlerweile hat Adele mit ihren Kindern eine eigene Wohnung bezogen. Die Wohnung ist hell und freundlich, sie eignet sich zum Malen, hat große Fenster, aus denen man auf einen Fluss sehen kann.
Verständnis findet Adele bei einigen wenigen Freunden. Sie helfen ihr durch ihr Mitgefühl, durch Zuhören und die Zeit, die sie ihr schenken. Sie akzeptieren, dass ihr zeitweises Zurückgezogensein, nichts mit ihnen zu tun hat, sondern Schutz für Adele bedeutet. Auch hat Adele andere Missbrauchsopfer kennengelernt. Diese zeigen ihr, wie sie damit leben. Sie fühlt sich nicht mehr alleine, nicht mehr schuldig. Sie weiß auch heute, dass ihre Verhaltensmuster nichts Ungewöhnliches sind, dass auch andere ihren Körper vorübergehend verlassen können, wenn es keinen anderen Ausweg gibt. Ihren Eltern hat sie jedoch bis heute nichts von dem Missbrauch erzählt.
Als Adele begann, sich mit dem Missbrauch auseinanderzusetzen, hörte sie zuerst einmal auf zu malen. In dieser Zeit schrieb sie Gedichte und Texte. Niemand in ihrer Umgebung verstand die Gedichte, niemand erkannte das Problem. Als es zur Eskalation kam und Adele es immer noch nicht wagte, mit jemanden zu sprechen, begann sie wieder zu töpfern. Unter ihren Händen entstanden Figuren, die immer wieder Adele darstellten. Eine hockende, verzweifelte, superdünne Frau, deren Gliedmaßen abgerissen waren. Es tat Adele gut, sich mit ihren Händen, dem weichen Material zu widmen, Es tat gut, immer wieder über den Frauenkörper zu streichen, bis er glatt war und Adele sich vollkommen mit ihm identifizieren konnte. Besonders die verzweifelte, sitzende Frau hatte es Adele angetan. Eine Frau, mit dem Kopf auf den Knien. Das war es, was Adele fühlte: Einsamkeit, Verzweiflung, Scham, Kälte und Angst.
Dann fing Adele wieder mit dem Malen an. Aber dieses Mal war alles anders. Eine gefällige Seidenmalerei existiert seitdem für Adele nicht mehr. Als erstes malte sie die verzweifelte Frau mit dem Kopf auf den Knien. Es gab nicht wie sonst, eine lange Überlegung zur Farbkombination. Adele griff, wie selbstverständlich, nach der blauen und grünen Farbtube. Und dabei sollte es fast ein Jahr lang bleiben. Adele malte sich immer wieder selbst, fast lebensgroß in blau und grün. Sie malte eine verzweifelte Frau, die versucht, sich selbst zu schützen. Eine Frau, deren Körpersprache Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Schutzlosigkeit ausdrückt. Sie malte eine Frau, hinter einem Stacheldraht. Der Stacheldraht, der Adele vom Rest der Welt trennt.
Langsam, wohl auch durch die Therapie, veränderte sich die Frau, die Adele malte. Die Frau in ihren Bildern ööfnete sich. Dann geschah wieder etwas Einschneidendes in Adeles Leben. Sie wurde gefragt, ob sie nicht Lust hätte, ihre Bilder auszustellen und ihre Texte zu veröffentlichen. Das war eine Riesenchance für Adele, eine Herausforderung. Aber bedeutete es nicht auch die Entblößung ihrer Seele? Adele hatte furchtbare Angst. Aber als Künstlerin reizte sie diese Aufgabenstellung. So dachte sie sich eine List aus und sagte zu.
Sie outete sich nicht, sondern stellte es so dar, dass sie sich mit dem Thema Missbrauch und Gewalt gegen Frauen intensiv auseinandergesetzt hatte und die Bilder die Gefühle der Frauen, mit denen sie gesprochen hatte, widerspiegeln. Zu diesem Zweck hatte Adele jedes Bild einer anderen, ihr bekannten Frau, die ebenfalls Missbrauchsopfer ist, gewidmet. Natürlich hatte sie dieses vorher mit den Frauen abgesprochen. So hießen die Bilder: Für Dagmar - Gewaltige Liebe oder Für Hanne - Verzweiflung. Auf diese Weise schützte Adele sich davor, von fremden, nicht eingeweihten Menschen auf den Missbrauch angesprochen zu werden. Außerdem hatte sie jedem Bild ein Gedicht zugeordnet. Adele hatte die Texte vorher noch nie veröffentlicht und wusste auch nicht, ob sie es schaffen würde, sich bei der Ausstellungseröffnung dazu zu äußern. Daher brachte sie die Texte an den Bildern so an, dass sie diese noch kurz vor der Ausstellungseröffnung entfernen konnte, wenn sie das Gefühl hätte, nicht stark genug zu sein.
Um sich selbst zu stärken, lud sie Frauen ein, die von dem Missbrauch wussten oder auch selbst Opfer waren. Auch waren die meisten Gäste der Vernissage weiblich. Das gab ihr den notwendigen Schutz, den Abend durchzustehen. Adele hatte mit dem Organisator der Ausstellung abgemacht, dass sie jederzeit die Ausstellung verlassen könne, er würde dann eine entsprechende Ausrede erfinden. Sie hatte also genügend Schutzmechanismen eingebaut und sich den notwendigen Rückhalt verschafft, das Ereignis durchzustehen. Und mit all diesen Krückstöcken hatte sie den Mut, diese Ausstellung, die wohl wichtigste in ihrem Leben, durchzuziehen.
Am Tag der Vernissage fühlte sich Adele weniger aufgeregt, als sie vorher gedacht hatte. Sie fühlte sich gut mit all ihren Krückstöcken. Nach der Eröffnungsrede des Organisators, die selbstverständlich mit ihr abgesprochen war, gingen die Gäste von Bild zu Bild. Die Resonanz war erstaunlich. Besonders die Frauen waren betroffen, fanden sich wieder. Adele konnte es auf ihren Gesichtern lesen.
Doch dann geschah es. Ein katholischer Priester trat auf Adele zu. Die Bilder seien erotisch, sagte er. Adele sah ihn entgeistert an, die Frauen hinter ihr entrüsteten sich. Plötzlich fühlte Adele, sie musste erklären, sie musste aufklären, sie konnte diese Aussage, die viele Besucher gehört hatten, nicht so stehen lassen. Sie fühlte, wie ihr Herz klopfte. Hinter ihr drückte sich eine Frau an Adele heran, sie fühlte ihre Kraft. Adele nahm ihren ganzen Mut zusammen und hielt einen Vortrag. Erzählte vom Missbrauch, von den Folgen für die Seele dieser Menschen, nannte Zahlen, Statistiken, beschrieb die Verzweiflung und die Angst, erzählte von langwierigen Therapien, nannte Beispiele.
Adele dazu: Der Priester hörte erstaunt zu, immer mehr Gäste hörten zu, zuletzt hörte man im Raum nur noch meine Stimme. Ich war souverän, ich hatte genaue Informationen und tat allerdings so, als würde mich das alles nicht betreffen. Zwischendurch fühlte ich wie ich meinen Körper verließ, ohne jedoch den Faden zu verlieren. Die Frau, die da redete, war nicht ich und doch war sie ich. Es war unglaublich.
Nach dem Vortrag waren alle Zuhörer sehr betroffen. Viele betrachteten die Bilder noch einmal und lasen die Texte noch einmal. Am Ende verabschiedete sich der Priester mit den Worten, er müsse darüber nachdenken und würde sich die Ausstellung sicherlich noch einmal ansehen. Eine junge Frau trat auf Adele zu und sagte, manchmal würden Menschen auch so empfinden, wenn sie anderes Schreckliches erlebt hätten. Dann kam eine weitere unbekannte Frau auf sie zu und sagte, dass sie eine wunderbare, starke Frau sei und umarmte sie. Im selben Augenblick war Adeles Schutz verschwunden, sie konnte sich nicht mehr hinter den anderen Opfern verstecken. Sie war wieder sie selbst. Sie hatte durch ihr Mitgefühl und ihre Zärtlichkeit die Mauer eingerissen. Tränen liefen über ihr Gesicht, wohltuende Tränen.
In der örtlichen Presse gab es einen überaus positiven Bericht über die Ausstellung. Viele Menschen, die glaubten, Adele zu kennen, waren sehr erstaunt über die Bilder, die so anders sind. Viele meinten, sie wüssten gar nicht, dass sie solche Bilder male und Gedichte schreibe. Adele antwortete dann jedes Mal, dass viele von ihren Mitmenschen nichts wissen und wohl auch nichts wissen wollen und erntete fast immer verständnislose Blicke.
Adele hatte bei der Ausstellung das Gefühl, etwas zu tun und sei es auch nur durch ihren Vortrag aufzuklären. Doch nicht nur ihr Vortrag, auch ihre Bilder und Gedichte stimmten die Besucher nachdenklich. Das war wichtig für Adele. Es nahm ihr etwas von dem Gefühl hilflos und machtlos zu sein. Sie verkaufte sogar eines der Bilder. Damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet.
Nach der Ausstellung habe ich einige Monate nicht gemalt. Dann habe ich wieder damit angefangen. Ich male wieder mich. Allerdings nicht mehr in den Farben Blau und Grün, sondern in warmen Braun- und Gelbtönen. Wieder ist eine Veränderung eingetreten. Langsam löst sich die Verkrampfung, meine Bilder sind weicher, fließender, wärmer geworden. Sie sind Ausdruck meiner Empfindungen.
Und im August 1999 stellte Adele wieder aus. Auf einer Gemeinschaftsausstellung. Insgesamt präsentierten dort Künstler aus vier Ländern 100 Bilder und Adele gewann mit ihrem Bild den Publikumspreis. Zuerst wollte sie gar nicht ausstellen, Freunde mussten sie dazu förmlich überreden. Adele ist heute überzeugt, dass die Menschen den Schmerz und die Gefühle, die sie in den Bildern ausdrücken möchte, sehen können, auch wenn sie den Grund nicht dafür kennen.
Nach 20 Monaten Therapie traf Adele durch Zufall ihren Misshandler auf einem Flohmarkt. Sie erkannte ihn sofort, obwohl sie all die Jahre hindurch keine Erinnerung an sein Aussehen hatte. In ihren Erinnerungen war er immer ein Riese mit großen Händen ohne Gesicht gewesen. Nun stand ein nur 1,80 m großer Mann vor ihr. Ein Mann mit einem Gesicht. Ein gebräunter fast attraktiver Mann. Und Adele schaffte es nicht, ihn anzusprechen. Er erkannte sie. Denn Adele war mit ihren Eltern, die er kennt, unterwegs. Nach wenigen Augenblicken verschwand er in der Menschenmenge. Sechs Wochen vergingen, in denen Adele wieder und wieder überlegte, was sie ihm hätte sagen wollen. Sie ärgerte sich, die Gelegenheit nicht genutzt zu haben.
In den nächsten Wochen bereitete sie sich auf ihre erste große Einzelausstellung vor und plante ein Begleitheft zu ihren Missbrauchsbildern. Adele wollte damit informieren und aufrütteln. Deshalb sammelte sie Fakten und Zahlen beim Kinderschutzbund, beim Frauenhaus, bei der Kripo und bei anderen Institutionen.
Als sie IHN zum zweiten Mal traf, hatte sie alle Fakten und Zahlen zum Thema Missbrauch im Kopf. Dieses Mal sprach sie ihn an. Selbstbewusst und direkt fragte sie ihn, ob er sich erinnere, was damals geschehen sei. Verstecken habe er mit ihr gespielt, meinte er und fügte grinsend hinzu: Oder hast du dich in mich verliebt? Daraufhin berichtete Adele ihm, was er damals mit ihr gemacht und welche Folgen der Missbrauch für ihr weiteres Leben gehabt habe.
Zuerst stritt er alles ab. Doch als Adele ihm sagte, dass sie auch ein weiteres Opfer kenne, begann er sich zu entschuldigen. Adele sah Angst und Panik in seinen Augen. Ich teilte ihm mit, dass ich ihn fertigmachen würde, wenn ich auch nur den geringsten Verdacht hätte, dass er so etwas noch einmal macht. Dann habe ich mich umgedreht und bin gegangen. Seit diesem Tag ist der Riese aus ihren Träumen verschwunden.
Ich kann ihn heute nicht mehr anzeigen, da die Tat verjährt ist meint Adele. Doch um weitere potentielle Opfer zu schützen, habe ich einem befreundeten Kripobeamten seinen Namen mitgeteilt."
Adeles Ausstellung war ein Riesenerfolg. 120 Menschen kamen zu ihrer Vernissage und sie verkaufte sechs Bilder. Sie wusste, sie würde es nicht schaffen, sich öffentlich zu outen und so versteckte sie sich wieder hinter ihren Schutzfrauen. Aber sie wusste auch, dass sie eine solche Gelegenheit zur Aufklärung nie wieder bekommen würde. Deshalb wurde in der Eröffnungsrede über das Thema Gewalt gegen Frauen und Sexueller Missbrauch gesprochen und im Begleitheft Zahlen und Fakten sowie Einzelschicksale beschrieben. Daraufhin erschienen in zwei Lokalzeitungen halbseitige Artikel, in denen neben der positiven künstlerischen Bewertung, eindringlich und sensibel über das Thema Missbrauch berichtet wurde.
Danach riefen viele Menschen Adele an. Frauen erzählten ihr ihr Schicksal, Großeltern drückten ihre Angst um die Enkelkinder aus. Und jemand schrieb in das Gästebuch bei der Vernissage: Danke für Deinen Mut!