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Die Geschichte von Mohtaf und seinem Eknese

Eine Märchen-Geschichte von meiner Schwester

Achtung, keine Splats und keine Trigger-Warnungen!

Als ich vor einiger Zeit (Sommer 2005) meine Schwester T. besuchte und wir über das Thema meines Missbrauchs redeten, zeigte sie mir ein kleines selbstgebasteltes Heft mit einer selbst gebastelten Kordel und Schleife. In dem Heft war eine Märchen-Geschichte. Meine Schwester T. hatte die Geschichte geschrieben, als sie etwa 20 Jahre alt war (ausgehend von der in der Geschichte überlieferten Jahreszahl 1983). Ich begann die Geschichte zu lesen und brach in Tränen aus. Meine Schwester war von meinen Tränen stark berührt, wollte die Geschichte aber trotzdem selber nicht mehr lesen. Sie wollte aber unbedingt, dass ich sie zu Ende lese, und sie schenkte mir das Original-Manuskript ganz. Als ich sie später fragte, ob ich die Geschichte auch auf meinen Webseiten im Internet veröffentlichen darf, stimmte sie sofort mit starker Bejahung zu. Dennoch hat meine Schwester T. die Geschichte seither nicht gelesen, auch nicht ihrer Therapeutin gezeigt.

Ich erinnere mich noch an die Zeit, als meine Schwester T. diese Geschichte in den 1980er Jahren mühsam auf der Schreibmaschine (und mit Hilfsmitteln wie Tippex) schrieb. Damals hatte ich aber nur ganz oberflächlich Notiz von dieser Geschichte genommen. Mir fällt heute ein, dass sie schon damals wollte, dass ich die Geschichte lese, was ich damals aber nur zögerlich und stark ausschnittsweise tat. Die Geschichte war damals einfach zu brisant für mich. Denn sie enthält ein Stück Wahrheit über unsere Herkunftsfamilie. Wahrscheinlich sogar in verschlüsselter Form noch viel mehr - den sadistischen Missbrauch durch unsere Mutter kann ich auf jeden Fall deutlich darin erkennen, ebenso die Programmierungen und die Gehirnwäsche.

Bei dem im Vorwort erwähnten Meditations-Wochenende war ich ebenfalls mit dabei. Nach einer Meditations-Sitzung malten wir Bilder. Als T. mein Bild sah, fragte sie mich spontan (und in so einer Art Trance-Zustand), ob ich mich an die Geschichte mit meiner Mutter im Bett erinnere. Obwohl ich mich damals an den sexuellen Missbrauch überhaupt nicht erinnerte, erschrak ich in diesem Moment bis in mein tiefstes Inneres und gab eine ausweichende Antwort. Darauf meinte meine Schwester T., dass ich mich eines Tages noch sehr intensiv damit auseinandersetzen und das bearbeiten werde. Darüber erschrak ich noch mehr. Ich rätselte damals lange herum, was sie mit diesem Ausspruch meinte. Ich hatte damals meinen sexuellen Missbrauch so tief verdrängt, dass ich absolut nichts dazu in Erinnerung hatte, nur ein extremes Beklommenheits- und Panikgefühl, als er von ihr angesprochen wurde.

Vor ein paar Jahren, nach dem Hochkommen meiner Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch durch meine Mutter, erzählte ich meiner Schwester T. von dieser Begebenheit mit ihrem Ansprechen des Missbrauchs. Doch sie erinnerte sie sich nicht mehr an das, was sie mir direkt nach der Meditation und dem Bildermalen in einem Trance-artigen Zustand gesagt hatte.

Hier ist die Geschichte, mit ihrer Genehmigung, ja sogar ihrem ausdrücklichen Wunsch zur Veröffentlichung auf meiner Website freigegeben, eingescannt aus dem alten Schreibmaschinen-Manuskript von Mitte der 1980er Jahre und per OCR in computerlesbare Form überführt. Die originale Schreibmaschinen-Absatz-Formatierung wurde vom OCR oft nicht richtig erkannt und deshalb an einigen Stellen den heutigen HTML-Erfordernissen angepasst.

Ein Hinweis an den Leser: der Anfang der Geschichte könnte ungeduldigen Naturen vielleicht etwas langatmig vorkommen, und die beschriebenen detaillierten Traumwelten sind ohne Kenntnis von Familienhintergründen wohl nur schwer im Detail zu verstehen. Andererseits wimmelt die Geschichte nur so von archetypischen Symbolen, so dass man auch ohne diese Detailkenntnisse viel herauslesen kann. Die entscheidende Wende kommt erst sehr weit hinten. Trotzdem lohnt es sich, beim Lesen durchzuhalten.

Angefügt ist eine tiefenpsychologische Interpretation und Deutung der Symbole von Aquamarin (Moderatorin des Aufrecht-Frauenforums).


Vorwort


Lieber Leser,

der Grundgedanke dieser Geschichte entstand während einer Meditationswoche 1983 in meinem Herzen. Ich habe etwa ein Jahr (mit vielen und auch langen Unterbrechungen) benötigt, um diesen Gedanken einzukleiden und zu schmücken. Herausgekommen ist nur ein sehr unvollständiges und armseliges Gewand.

Den Reichtum der Seele, ihr Leuchten und Leben, aber auch ihr Schattenflecken lassen sich nur unzulänglich andeuten, doch wenn Dein Herz offen, lebendig und bereit ist zu verstehen, so wirst Du nicht nur eine kleine Geschichnte mit etwas Märchencharakter lesen, sondern einen Eindruck meiner Seelenvorstellung erleben.


Viel Freude beim Lesen wünscht Dir




Die Geschichte von Mohtaf und seinem Eknese

Mohtaf war ein ganz gewöhnlicher Junge. Er hatte helle, klare Augen, eine nette Nase und wenn er lachte, blitzte es wie silberne Perlen in seinem Mund. Er trug, wie alle Kinder ein weißes, langes Gewand, das um die Hüften von einem farbenfrohen Band gefaßt wurde.

Das Königreich, in dem er lebte, wurde von einem großen König regiert. Dieser wohnte in einem herrlichen Schloß, aber niemand wußte wie er aussah, weil ihn noch keiner gesehen hatte. Wenn er eine Botschaft an sein Volk geschrieben hatte, dann gingen seine Diener im Reich umher und lasen sie den Leuten vor. Manche, die diese Worte hörten, freuten sich darüber und erzählten sie weiter; denn sie fanden die Botschaft des Königs wichtig und richtig. Andere hörten nur halb zu - oder nur auf das, was ihnen gerade so gefiel. Aber es gab auch einige Leute unter dem Volk, die wütend wurden, sobald ein Bote des Königs zu ihnen kam. Die Gesetze und Regeln, die der Herrscher verkünden ließ, waren ihnen nämlich zu unbequem.

Wenn nun ein Kind in diesem Reich Denken, Sprechen und Schreiben gelernt hatte, so sandte ihm der König einen besonderen Boten. Der gab ihm dann einen Schlüssel für eines der schönen Häuser des Reiches, welches es in Ordnung halten sollte und ganz so, wie es ihm selbst gefiel, gestalten und mit Schätzen füllen durfte. Nur um eines wurde es gebeten, nämlich, daß es immer wieder einen Brief an den König sende und berichte, wie es ihm in seinem Hause gefiele.

So kam also auch für Mohtaf einmal der große Tag, an dem der besondere Bote mit einem Schlüssel an seinem Elternhaus anklopfte. Der Diener des Königs ging mit Mohtaf durch das Reich, vorbei an vielen schönen und interessanten Häusern. Sie sahen alle verschieden, manche sogar etwas seltsam aus. Nach einer Weile kamen sie an ein kleines Schlößchen. Da gab der Bote Mohtaf einen feinverzierten Schlüssel an einem Band und sagte: "Na, mein Junge, schließe das Eingangstor dort auf!". Mohtaf war sehr aufgeregt und drehte den Schlüssel im Schloß herum. Als sich das Tor öffnete, sah er einen langen Gang mit vielen Türen vor sich. -

Der Bote wünschte Mohtaf viel Freude an seinem Schlößchen und an seiner großen Aufgabe. Dann verabschiedete er sich. Mohtaf dankte ihm und bat ihn auch dem König das Dankeschön zu überbringen. Er winkte dem davongehenden Boten noch nach und betrachtete sein neues Zuhause noch einmal genauer von außen.

Es war nicht riesig groß, aber ganz aus hellen Steinen gebaut. Große Rundbogenfenster ließen das Licht hinein, und viele Erkerchen und fünf Türme mit kleinen Kuppeln zierten das Schlößchen. Mohtaf beschloß, ihm einen Namen zu geben, und da er für sein Schlößchen natürlich einen besonderen Namen brauchte, nannte er es "Eknese".

Nachdem sich Mohtaf sein Schlößchen genau angesehen hatte, hängte er sich den Schlüssel um den Hals und ging zum Eingangstor. Oben, rechts neben dem Torbogen hing eine silberne Glocke an einem Seil und Mohtaf zog kurz daran, bevor er hineinging. Noch als er im Gang vor den vielen Türen stand, klang der helle Ton der Glocke nach.

In allen Schlüssellöchern der Türen steckten die dazu passenden Schlüssel: große, kleine, verzierte oder einfache. Mohtaf öffnete die erste Türe des Ganges und trat über die Schwelle. Vor ihm lag ein hoher, heller Raum. Die Wände waren weiß und an ihnen lehnten große, lange, aber leere Regale. Mohtaf wußte sogleich, daß er hier seine Bücherei einrichten würde.

Durch die Fenster an der Außenwand kam viel Licht herein und er konnte den Platz vor seinem Eknese, auf dem ein weitausladender Baum stand, sehen. Dann wandte er sich wieder dem Inneren seiner Bibliothek zu. Er fand große Stapel weißes Papier und in einer Dose bunte Malstifte. Da bekam er Lust, all das aufzuschreiben, was er Neues und Schönes gesehen hatte. Die beschriebenen Papierbögen legte er in eines der leeren Regale und dachte bei sich: Jetzt erst ist es m e i n Eknese, jetzt enthält es ein Stückchen von mir! -

Bevor er wieder hinaus ging, kam ihm noch die Idee, die ganze Erkundung des Schlösschens aufzuschreiben. Und so schnappte er sich ein paar Blätter Papier, einen Stift und ging über den Gang zur zweiten Türe.

Als er wieder den kleinen Schlüssel im Schloß herumgedreht hatte, sah er einen etwas kleineren Raum mit Tischen und Stühlen vor sich. Über alle Tische waren weiße Tischdecken gebreitet. Silberne Kerzenleuchter mit roten Kerzen standen darauf oder hingen von der Decke herab. Die Wände und auch die Decke waren mit Seidentapeten bezogen. Genau gegenüber der Eingangstür befand sich in der Mitte der Wand ein kleines Tor. Der Tisch direkt daneben war für eine Person gedeckt und die Kerzen darauf brannten. Mohtaf trat näher an den Tisch heran. Der Teller war aus Porzellan und sein Rand mit feinen kleinen Blümchen bemalt, das Besteck aus Silber und das Glas schillerte in allen Farben, als Mohtaf es in die Hand nahm, und beim Anschauen etwas drehte. -

Dann ging er zu dem kleinen Tor und drückte auf die Klinke, daß es weit aufsprang. Soweit Mohtaf sehen konnte standen herrliche Speisen. Es duftete so gut, daß er Hunger bekam. Er schnupperte an einigen Platten, konnte sich aber nur schwer entscheiden etwas davon zu nehmen, weil ihm die nächste Speise schon wieder besser zu sein schien. Endlich entschloß er sich, eine Platte mit gebratenem Täubchen, frischem Brot und Salat zu nehmen. Beim Hinausgehen sah er Schränke mit Getränken aller Art und davon suchte er sich eine Flasche Johannisbeersaft aus. Im Speisesaal setzte er sich an den gedeckten Tisch, verzehrte mit Genuß sein Täubchen und trank den feinen Saft dazu.

Nachdem sich Mohtaf frisch gestärkt hatte, ging er nochmals in die Speisekammer. Er glaubte sich zu erinnern, daß an diesem Raum außen einer der Türme angebaut war. Endlich fand er die Türöffnung. Sie war durch eine große Torte verdeckt gewesen, und er gelangte tatsächlich in einen Turm. Er stand in der Küche! Gleich holte Mohtaf sein Geschirr und spülte es ab. Hier gab es eine Menge Schränke voll Geschirr und Tischschmuck. Er würde also viele Gäste einladen können. -

Nun hatte er in diesen Räumen schon sehr vieles gesehen und setzte sich an einen Speisetisch, um das Wichtigste aufzuschreiben. Das dauerte ganz schön lange, dann aber ging er wieder in die Bibliothek und legte die neu beschriebenen Papierblätter neben die ersten in das Regal. Er hielt sich aber nicht allzulange auf, sondern strebte dem dritten Raum zu.

Neugierig und gespannt drehte er den Schlüssel der Türe herum und -staunend mußte er stehen bleiben. Überall wuchsen wunderliche Blumen in den wunderbarsten Farben. Und als er einige näher betrachtete, da schien es ihm, als hätten sie Gesichter und schauten ihn freundlich lächelnd an. Mohtaf atmete ganz tief ein und dabei wunderte er sich über die vielen verschiedenen Düfte und Gerüche, die von den Blumen ausgingen. Ja, er vergaß vor lauter Schauen und Staunen das Schreibzeug in seinen Händen. Es fiel zu Boden, ohne daß er es bemerkte. Aber die Blumen schillerten auch in den herrlichsten Farbtönen: in Rot, Gelb, Blau, Braun, Weiß und Grün und vielen, unzählbar vielen Farben mehr. Auch die Formen der Blüten und Blätter waren von bezaubernder Vielfalt. Keine Blume sah einer anderen gleich. Wohin Mohtaf auch schaute, vor, neben und über ihm, standen und hingen Blumen. Es war ein richtiges Blütenmeer. Er wußte gar nicht mehr, wie lange er schon diese Pracht bewundert hatte; auf alle Fälle konnte er sich nur schwer von der Schönheit der bunten, lebenden Pflanzen trennen.

Als er beinahe schon draußen war, fiel ihm sein Schreibzeug wieder ein. Zuerst wollte er sich vor die Blumen hinsetzen und sie und ihren Duft beschreiben, doch dann merkte er, daß er vor lauter Schauen wieder das Schreiben vergaß. Draußen gelang es ihm aber genausowenig, all das Gesehene und Erlebte in Worte zu fassen. Deshalb nahm er ein großes Blatt Papier und schrieb sein Denken ganz kurz in einem Satz auf. Diesen heftete er etwa in der Mitte des Raumes an ein Regal und sobald er hinschaute, war es ihm, als käme ein leiser Dufthauch auf ihn zugeflogen. Da stand:

Mein Herz lebt und atmet mit den Blumen!

Doch dann war Mohtaf wieder neugierig, was es wohl sonst noch für wunderliche Zimmer in seinem Eknese gäbe und er öffnete die vierte Türe des Ganges. Diesmal, war er ganz und gar überrascht, denn das Zimmer, in das er schaute, war - leer! Nichts, nicht einmal ein Stäubchen war zu sehen. Verwundert trat er ein. Als Mohtaf nun in dem großen Raum umherging und sich überlegte, was dies zu bedeuten habe, spürte er auf einmal, wie reich und voll die anderen Zimmer waren. Während er in den vorigen Räumen immer viel zu schauen und zu staunen gehabt hatte, konnte er hier ganz in Ruhe und ohne abgelenkt zu werden, über sich und sein Eknese nachdenken. Und als Mohtaf seine Gedanken so schweifen ließ, da überkam ihn ein wunderbar großes Gefühl von Dankbarkeit. Er fühlte sich ganz zufrieden. -

Plötzlich fiel ihm die Bitte des Königs ein. Er setzte sich auf den Boden und schrieb einen Brief voll Freude und Dankbarkeit an den Herrscher. Den brachte er dann vor sein Schlößchen zu dem großen Baum und rief den zwitschernden Vögelchen darauf einen Gruß zu: "Guten Tag, ihr fröhlichen Sängerlein! Ich habe einen Brief an den König geschrieben. Könnte ihn bitte eines von euch zu ihm bringen?" Da antwortete ihm ein ganz kleines Vögelchen: "Aber gerne, Mohtaf! Lege ihn nur auf den Boden. Der König wird deinen Brief noch heute lesen können!" Mohtaf bedankte sich. Dabei kam es ihm in den Sinn, daß Vögel ja auch Futter brauchen. Schnell eilte er in die Küche, holte die Brotbrösel, die von seinem Mittagessen übrig geblieben waren und streute sie für die kleinen Musikanten auf den Weg. Die Vögel bedankten sich wiederum mit einem besonders schönen Pfeifkonzert. -

Während Mohtaf wieder in sein Eknese zurückging, suchte er nach einem Namen für den leeren und doch so vollen Raum. Es fiel ihm auch diesmal wieder ein besonderer Name ein: "Stebeg-Zimmer".

Froh vervollständigte er seine Aufschriebe und brachte sie in die Bibliothek. Als er die vier kleinen, aber wertvollen Papierstöße so vor sich liegen sah, stellte er fest, daß er heute schon eine ganze Menge Neues erlebt hatte. Darum beschloß er nur noch ein Zimmer zu erforschen.

Hinter der fünften Gangtüre befand sich genau der Raum, der ihm jetzt am wichtigsten zu sein schien; nämlich das Schlafzimmer. Es war in zarten Farbtönen ausgestattet. An zwei Wänden standen schöne geschnitzte große Schränke. Und eine kleine Türe gab es, die zu einem hübschen Baderaum führte. In der Mitte des Bades befand sich eine Badeversenkung mit klarem Wasser. An den Seiten war eine Dusche, ein Waschbecken und ein kleiner Schrank mit Badezubehör angebracht. Durch ein Rundbogenfenster kam Licht herein und spiegelte sich in den blanken Wand- und Bodenkacheln. Es sah alles so sauber aus, daß Mohtaf sich gleich zum Baden eingeladen fühlte. Froh plätscherte er im Wasser herum und ging nachdem er fertig war zurück ins Schlafzimmer. Das Wichtigste darin war das Bett. -

Und was das für eines war! Ein richtiges Himmelbett, so, wie es sich Mohtaf nicht einmal erträumt hatte! Die Pfosten waren aus gedrechseltem Holz. Auf dem Bettbezug von ganz frischem Weiß, lag eine bestickte, bunte Überdecke mit kleinen goldenen Fransen und eine Menge kleiner Kissen, die genauso gearbeitet waren. Doch, die kuscheligen, zum Schlaf einladenden Kissen überspannte ein herrlicher Baldachin. Er war aus rotem Samt, und mit goldenen Schnüren und Quasten verziert. Es war einfach eine Pracht! Mohtaf, der sowieso recht müde war, dachte sich, daß in den Schränken sicher Nachtgewänder sein müßten, und das stimmte auch. Er zog sich flink ein Nachthemd an und schlüpfte zwischen die weichen Kissen unter die warme Decke. Die Augen fielen ihm zu und er schlummerte fest ein.

Mitten in der Nacht aber geschah etwas seltsames. Mohtaf hörte, wie eine der Schranktüren knarrte, und sah, wie dem Schrank an der Außenwand nach und nach junge Frauen in leuchtenden Gewändern entstiegen. Einige trugen Instrumente bei sich und sie setzten sich alle rund um das große Himmelbett. Als zwölf junge Frauen versammelt waren, begannen sie zu musizieren und ganz lieblich zu singen. - Wunderschön. -

Mohtaf lächelte leise. Aber der liebe Besuch blieb nicht lange. Viel zu früh fand Mohtaf, daß die schönen Frauen wieder in den Schrank stiegen und die Türe schlossen.

Als Mohtaf am Morgen vom Gezwitscher der Vögel und ein paar Sonnenstrahlen, die seine Nase kitzelten, erwachte, dachte er sofort wieder an die zwölf Frauen. Er öffnete die eine Schranktüre, konnte aber nichts entdecken, was auf seine nächtlichen Gäste hinwies. Da gab es weder eine geheime Türe, noch sonst etwas auffälliges. Ein wenig war Mohtaf enttäuscht, aber dann merkte er, daß er das alles nur geträumt haben mußte und er hoffte, daß die zwölf Feen in der nächsten Nacht wiederkommen würden. Fröhlich summte er ein paar Takte ihrer Musik vor sich hin und sprang im Bad ins klare Wasser. Nachdem er sich gewaschen und angekleidet hatte, räumte er schnell sein Schlafzimmer auf und ging in den Speisesaal. Vom Frühstück gestärkt besuchte er die Vögel und hörte ihnen eine Weile zu. Die Sonne begleitete ihn, als er um sein Eknese herumging. Bei den Fenstern zu seinem Schlafzimmer angekommen, wurde er noch einmal an seinen Traum und die geheimnisvolle Schranktüre erinnert. Denn an der Stelle, wo im Innern der Schrank stand, war außen ein Turm. Nur hatte dieser Turm nicht eine einzige Türe oder ein Fenster. Je länger Mohtaf sich dies alles zu erklären versuchte, umso weniger verstand er davon.

Deshalb ging er wieder in sein Schlößchen hinein. Als er an der Türe zur Bibliothek vorbeikam, fiel ihm ein, daß er, nachdem er gestern aus dem Stebeg-Zimmer gekommen war, nichts mehr aufgeschrieben hatte. So hielt er das Schlafzimmer, den Traum und den Turm auf dem Papier fest und fügte den neuen Stapel den vieren vom Vortag hinzu.

Dann siegte wieder die Neugierde - drei Türen verbargen noch Geheimnisse. Das Zimmer gegenüber vom Schlafzimmer kam als erstes an die Reihe.

Zuerst war Mohtaf ganz verwirrt, denn er wußte nicht recht, was das bunte Durcheinander vor ihm darstellen sollte. Doch allmählich unterschied er lustige Spieluhren und andere Apparaturen. Da gab es ein interessantes Gerät mit verschiedenen Glöckchen, Metallstäben und seltsamen Rohren. Je länger und genauer Mohtaf es ansah, desto mehr Dinge entdeckte er an ihm. Auf einmal wünschte er sich, die Wundermaschine würde arbeiten. Kaum hatte er sich das vorgestellt, als die Glöckchen zu bimmeln anfingen. Auch die anderen seltsamen Gegenstände begannen zu klingen und so ertönte eine wunderbare Musik. Mohtaf lauschte ganz gebannt. - Auf einmal sah er, wie schräg hinter der Musikmaschine kleine Puppen zu tanzen begannen. Es waren kleine Pärchen. Die Herren trugen winzige Zylinderhütchen auf den Köpfen, die sie höflich vor ihren Damen zogen. Ihre Kleidung war ganz in einer Farbe, vom Kopf bis zu den Schuhen. Doch jeder Herr hatte seinen eigenen Farbton: z.B. mohnrot, hellgrün, zitronengelb, himmelblau oder fliederfarben. Und die Damen sahen aus wie - ja, so stellte sich Mohtaf Prinzessinnen vor. Die hatten ihre lockigen, hellen oder dunklen Haare zu kunstvollen Frisuren aufgesteckt und jede trug ein kleines Krönchen aus Glitzersteinen auf dem Kopf. Ihre Kleider waren in den passenden Farbtönen zum jeweiligen Herrn herrlich bestickt. Es schimmerte von Gold und Silber. Und wie niedlich und graziös die Figürchen sich voreinander verneigten und tanzten, es war einfach faszinierend! - Als Mohtaf endlich wieder woanders hinsehen konnte und noch viele phantasievolle Dinge vor sich sah, sagte er sich: Es müßte herrlich sein, solche Wunderspielsachen selbst zu bauen. Aber dazu brauchte ich Werkzeug und entsprechendes Baumaterial.

Während er so darüber nachdachte, entdeckte er eine große Öffnung in der Wand und als er hindurchgegangen war, stand er im dritten Turm. Die Wände bestanden eigentlich nur aus Schränken. Sofort öffnete Mohtaf einige Schubladen und Türchen. Da lagen ja all die kleinen und großen Teile, Farben und Werkzeug, an das er eben gedacht hatte. Mohtaf stieß einen Ruf der Begeisterung aus. Das war ja toll! Wenn alle Schränke voll von diesen Dingen waren, so würde er so lange und so viel er wollte basteln können.

Nach dieser Entdeckung hüpfte er zwischen den vielen Wunderdingen hindurch zur Türe. Das Basteln konnte er sich für später aufheben. Jetzt mußte er zuerst die restlichen zwei Zimmer erkunden.

Die siebente Türe lag schräg gegenüber und Mohtaf machte sie, wie die anderen zuvor, sehr gespannt auf. Doch wie enttäuscht war er, daß er nichts sehen konnte. In dem Raum war es nämlich stockfinster. Als er trotzdem einen Schritt vorwärts wagte, stieß sein Fuß an einen kleinen Gegenstand, der sich daraufhin wegbewegte. Mohtaf bückte sich, griff danach und hielt eine Kerze in der Hand. Er tastete weiter und fand auch bald Streichhölzer - da konnte er die Kerze anzünden. Ihr Licht leuchtete schwach, doch so, daß Mohtaf sah, daß in dem dunklen Raum nichts drinn war.

Er ging umher und entdeckte dann doch noch etwas: den Aufgang in den vierten Turm. Als er hineinging, stand er vor großen gewundenen Stufen, die links von ihm hinab und rechts immer höher hinauf führten. Allerdings fand es Mohtaf in dem düsteren, fensterlosen Raum schon ungeheuer genug, so daß er nicht auch noch einen dunklen Turm hoch- oder hinuntersteigen wollte. Es gruselte ihn ein wenig und er machte schnell kehrt, um aus dem Zimmer zu eilen. Aufatmend machte er die Türe hinter sich zu und schloß sie fest ab; so, als könnte da jemand herauskommen, vor dem er Angst haben müßte.

Dann lief Mohtaf ins Blumenzimmer. Hier war es gemütlich, hell und bunt -und die Blumen ließen ihn seinen Schrecken wieder vergessen. Da sah Mohtaf aber, daß einige von ihnen ihre Köpfchen traurig hängen ließen. Ihm fiel siedend heiß ein, daß Blumen ja gegossen werden müssen, damit sie schön blühen und gesund bleiben können. Eilends holte er Wasser aus der Küche und gab den Blumen genügend zu trinken. Sie begannen sich auch gleich wieder zu erholen und dufteten und blühten fast noch schöner als zuvor. -

Wieder hatte Mohtaf einiges aufzuschreiben. Deshalb ging er in die Bibliothek und hielt alles fest, was er seit dem Morgen erlebt hatte. Jetzt fehlten ihm nur noch ein einziges Zimmer und ein einziger Turm.

Zuerst verspürte Mohtaf nun aber einen gewaltigen Appetit. Es war ja auch schon mittag vorbei und deshalb spazierte er in den Speisesaal, um seinen Hunger und Durst mit einem langen und guten Essen zu stillen.

Die achte Türe sah auch nicht anders aus als die anderen. Das aber, was sich Mohtaf zeigte, als er die Türe geöffnet hatte, übertraf alles, was er bisher gesehen hatte. Er stand in einem kreisrunden Saal, dessen Wände fast nur aus Spiegeln bestanden, so, daß er sich von allen Seiten sehen konnte, ohne sich deswegen umdrehen zu müssen. Zwischen den einzelnen Spiegelflächen waren schmale, schön gewundene Säulen aus weißen Marmor aufgestellt. Und als Mohtaf ihnen nachschauend zur Decke emporblickte,sah er eine große helle Kuppel. Goldene Ornamente und weiße Stuckarbeit zierten die prächtige Halbkugel. Aus dem Rund herab hingen herrliche Kronleuchter mit schillernden, geschliffenen Kristallen, auf denen große weiße Kerzen brannten. Mohtaf gefiel dieser Raum so gut, daß er sich vor Freude nicht mehr halten konnte und fröhlich durch den Saal tanzte. So etwas hatte er noch nie erlebt. Er konnte sich die lustigsten Figuren ausdenken und sich dabei gleichzeitig aus jeder Richtung betrachten. Manchmal fand er sich so komisch, daß er laut lachen mußte und sein Lachen durch den ganzen Raum schallte. Als Mohtaf so durch den Kuppelsaal wirbelte, stand er auf einmal vor einer etwas kleineren Spiegelfläche, die von je zwei Marmorsäulen eingerahmt wurde. Er schaute zurück zur Türe, durch die er hereingekommen war. Auch an deren Seiten standen je zwei solcher Säulen. So mußte wohl diese Spiegelfläche vor ihm auch eine Türe verbergen. Vielleicht war das der Aufgang in den fünften Turm? - Aber Mohtaf konnte trotz langem, genauem Suchen keinen Türgriff oder etwas ähnliches finden, um die Türe zu öffnen. Als er beim Suchen die erste der beiden Säulen links von der Spiegelfläche mit der Hand berührte, begann sich auf einmal die Spiegelfläche wegzubewegen. Dahinter wurde ein wundervoller Treppenaufgang sichtbar. Die Stufen waren breit, hell und ein tiefblauer Teppich lag darauf. Das Geländer war auch aus hellem Stein und wurde von verschiedenen Figuren gebildet, die entweder knieten, saßen oder standen. Mohtaf trat ganz ehrfürchtig auf die erste Stufe. Da schloß sich die Spiegeltüre wieder ganz leise. Gleichzeitig begann er von oben her eine seltsame, aber wohltönende Musik zu vernehmen.

Er stieg Stufe um Stufe hinauf und bei jedem Schritt wurde die eigenartige Musik deutlicher. So gelangte Mohtaf in den obersten Turmraum, von dem aus er einen herrlichen Rundblick über das umliegende Land hatte. Doch mehr als darüber staunte er über die Vielfalt von Musikinstrumenten, die umherstanden. Das Seltsame war nämlich, daß sie alle klangen, ohne daß jemand auf ihnen spielte.

Mohtaf blieb so lange dort oben, bis es draußen dunkel zu werden begann. Dann stieg er wieder die breite Treppe hinab. Diesmal öffnete sich die Spiegeltüre von selbst, als er auf die unterste Stufe trat. Während er durch den Spiegelsaal ging, freute er sich über sein lachendes Gesicht. Nach dem Abendessen vervollständigte er seine Aufschriebe und stieg zufrieden in sein Bett. Er deckte sich zu und schlief gleich ein. Wieder kamen die zwölf Feen mit ihren Instrumenten und spielten für Mohtaf das wunderschöne Lied, das er bereits kannte und lieb hatte.

Als Mohtaf am Morgen wieder frisch und fröhlich erwachte, verspürte er den Wunsch, selbst, so wie die Feen Musik zu machen und zu singen. Vielleicht würde er im Laufe der Zeit das Musizieren selbst erlernen können; Musikinstrumente waren ja genügend vorhanden. Und so erlebte Mohtaf in der nächsten Zeit viel Freude mit den Blumen, beim Basteln, Musizieren und Tanzen. Er schrieb jeden Tag einen Brief an den König, er lachte und war glücklich.

Eines Tages, es war schon später Nachmittag, klopfte es am Eingangstor und gleich darauf ertönte die silberne Glocke. Mohtaf ließ alles stehen und liegen und eilte zur Türe. Vor ihm standen drei Kinder, die ihn höflich fragten, ob sie eintreten dürften. Erfreut ließ Mohtaf die drei, ein Mädchen und zwei Jungen herein und führte sie in seine Bibliothek. Dort zündete er einige Kerzen an und betrachtete seine ersten Gäste in Ruhe und ganz genau. Sie waren gekleidet wie er, trugen ebenfalls lange, weiße Gewänder, bunte lustige Bänder um die Hüften und Sandalen an den Füßen. Einer der Jungen hatte blonde Haare, die beiden anderen schöne schwarze Locken. Außerdem trug das Mädchen ein Blumenkränzchen im Haar. Nachdem sich die Kinder gegenseitig angeschaut hatten, stellte sich der schwarzhaarige Junge mit: "Ich heiße Erecnis" vor. "Das sind Eneicisum und Nosireug", sagte er und zeigte dabei zuerst auf das Mädchen und dann auf den blonden Jungen. Die beiden Genannten nickten und lächelten Mohtaf freundlich an. "Ich bin Mohtaf" hielt es nun auch der Schlößchenbesitzer für angebracht, sich vorzustellen.

Erecnis, Nosireug, Eneicisum und Mohtaf waren sich gleich sympathisch und so beschloß Mohtaf, den dreien sein Heim zu zeigen. Er führte sie zuerst in den Speisesaal, holte vier Gedecke und lud seine Gäste ein, sich in der Speisekammer etwas von den Leckereien auszusuchen. Beim gemeinsamen Abspülen und Aufräumen ging es schon ganz lustig zu. Lachend liefen sie auf den Gang hinaus, hielten kurz inne, bis Mohtaf sich für den nächsten Besichtigungsraum entschieden hatte und betraten dann das Blumenzimmer.

Staunend blieben die Besucher stehen. Eneicisum bückte sich über eine hellblaue Blume mit vielen klitzekleinen Blütenkelchen. Auch die Jungen bewunderten die Pracht in Mohtafs Blumengarten. Lange hielten sich die Kinder darin auf; sprachen mit den Blumen. Wenn diese auch nicht antworteten, so nickten sie doch leise mit den Köpfchen oder öffneten ihre Blüten noch weiter, um ihre Schönheit zu zeigen.

Inzwischen war es jedoch schon ganz dunkel geworden und Nosireug erinnerte daran, daß sie aufbrechen und nach Hause gehen müßten. Mohtaf bot ihnen zwar sogleich an, bei ihm im Schlößchen zu übernachten, doch sie lehnten seine Einladung ganz höflich ab. Allerdings versprachen sie ihm, als Mohtaf sie danach fragte, daß sie morgen wiederkämen. Er sorgte sich aber, sie mußten ja im Dunkeln nach Hause gehen. Doch Nosireug beruhigte ihn und sagte: "Komm mit zum Tor, dann siehst Du, daß wir gar nicht gehen müssen, wir werden abgeholt." Und vor dem Tor wartete schon eine weiße Kutsche mit vier Schimmeln vorgespannt. Der Kutscher, ein Mann, der ein grünes Gewand trug, half den dreien einzusteigen, nickte Mohtaf zu, setzte sich auf den Bock und knallte mit der Peitsche. Die Pferde setzten sich in Trab.

Mohtaf und seine neuen Freunde winkten und riefen sich gegenseitig "Gute Nacht" zu. Mohtaf ging fröhlich in sein Eknese zurück und nach den üblichen Aufschrieben noch einmal ins Blumenzimmer. Da sah er wieder die hellblauen Blütenkelche der Blume, die Eneicisum so genau angesehen hatte und er beschloß, ihr diese Blume am nächsten Tag zu schenken.

Wegen der Vorfreude auf das kommende Beisammensein konnte M&htaf gar nicht gleich einschlafen. Noch einmal ließ er die Drei in Gedanken klingeln und sich vorstellen, mit ihm essen und aufräumen, lachen und im Blumenzimmer spielen. Glücklich schlief er ein und seine zwölf Feen schienen ihm in dieser Nacht noch schöner zu singen als in den Nächten zuvor.

Am Morgen war Mohtaf genauso früh wach, wie die Sonne. Er hielt es im Bett nicht mehr länger aus und sprang gleich ins Bad. Während er sich wusch, sang und pfiff er vergnügt vor sich hin. Nach dem Frühstück versorgte er die Blumen. Ganz besonders bemühte er sich um die "Eneicisum-Blume", so nannte er die hellblaue Blume, die für das Mädchen bestimmt war. Er sprach mit der Blume und bat sie, ihm nicht böse zu sein, weil er sie aus ihrer gewohnten Umgebung herausnehmen und Eneicisum schenken wolle. Die Blume nickte leicht mit ihrem Kopf und Mohtaf nahm dies als ein Zeichen des Einverständnisses auf.

Er schrieb einen fröhlichen Brief an den König und brachte ihn, wie alle seine Briefe zum kleinen Vögelchen auf dem Baum vor seinem Eknese. Jetzt hatte er noch bis zum Nachmittag Zeit, um zu basteln. Er baute gerade einen Apparat, bei dem er selbstgebastelte Schmetterlinge umherflattern lassen konnte. Dabei mußte er auf der Flöte spielen. Bei hohen Tönen flogen die Schmetterlinge höher hinauf, bei tiefen weiter herab, bei kurzen mehr nach rechts oder links und bei Tonwiederholungen mehr nach vorn oder hinten. Es war also, trotz seiner inzwischen erworbenen Flötenkünste, noch immer nicht genau festlegbar, wohin die Schmetterlinge flattern sollten. Aber gerade das machte das Spielen und Basteln so interessant. Mohtaf hatte nun schon fünf farbenprächtige und phantasievolle Schmetterlinge angefertigt und er wollte noch weitere fünf, ebenso interessante und schöne dazu machen. Er begann also mit dem sechsten Schmetterling. Als ihn sein knurrender Magen daran erinnerte, daß es Zeit fürs Mittagessen war, hatte er den Schmetterling fast fertig. Nach dem Essen beendete er seine Arbeit und spielte dann auf seiner Flöte ein lustiges Liedchen, so daß die Schmetterlinge ganz froh und vergnügt durch die Luft schaukelten. Doch je näher die Zeit der Ankunft von Nosireug, Eneicisum und Erecnis kam, desto aufgeregter wurde Mohtaf. Fast konnte er es nicht mehr erwarten, bis sie kamen. Er hatte alles blitzeblank aufgeräumt und war immer wieder hinausgelaufen, um sie schon von weitem zu entdecken.

Aber da begann es auf einmal wie wild zu regnen. Und das Wasser floß so dicht an den Scheiben herab, daß Mohtaf fast nicht mehr hinaussehen konnte. Doch endlich war es so weit! Mohtaf hörte die Kutsche vorfahren und rannte zum Tor, um die Drei gleich einzulassen. Freudig begrüßten sich die Vier und Mohtaf lud sie ein, sein Bastelzimmer zu besichtigen. Er zeigte ihnen seine lustigen Spielzeuge und vor allem sein neues Schmetterlingsspielwerk. Die Drei wollten die bunten Schmetterlinge natürlich auch tanzen lassen und so wechselten sich die Kinder beim Flöten und Zuschauen miteinander ab. Sie vergnügten sich so lange im Bastelzimmer, bis es für die Gäste wieder Zeit zum Verabschieden war. Als sie am Blumenzimmer vorbeigingen, bat Mohtaf sie, einen Augenblick zu warten. Er selbst ging hinein und holte die hellblaue "Eneicisum-Blume", um sie dem Mädchen zu schenken. Kaum hielt Eneicisum die wunderschöne Blume in den Händen, da erstrahlte ihr Gesicht ganz hell und sie wußte vor Freude nicht, was sie tun sollte. Sie drückte ihre Nase ganz sanft auf die Blume und bedankte sich immer wieder. - Mohtaf blieb ganz erfüllt in seinem Eknese zurück. Er war von Herzen glücklich,darüber, daß er Eneicisum eine so große Freude bereitet hatte.

Als die Drei am nächsten Tag wiederkamen, hatte Mohtaf beschlossen, ihnen seinen schönsten Raum zu zeigen: den Spiegelsaal. -

Die Kinder traten ehrfürchtig in Mohtafs Heiligtum und schauten sich staunend um. Nachdem sie alles gebührend betrachtet hatten, lächelten sie Mohtaf an und der lächelte zurück. So kam es, daß rings um sie herum nichts als lächelnde Gesichter zu sehen waren. Darüber wurde ihr Lächeln zu einem Lachen und bald tanzten sie alle vier durch den Saal. Nun wollte Mohtaf Eneicisum, Erecnis und Nosireug noch den Töneturm zeigen. Er öffnete die Spiegeltüre und führte sie die Steintreppe mit dem blauen Läufer hinauf. Die seltsame, aber wunderbare Musik empfing die Kinder und ließ sie wie verzaubert lauschen. Dann schauten sie der untergehenden Sonne zu und bewunderten die Verfärbung des Himmels. Da nahm Eneicisum eine Gitarre und begann zu spielen und eine wunderschöne Melodie zu singen. Mohtaf glaubte seinen Ohren nicht zu trauen als auch all die anderen Musikinstrumente einstimmten und Eneicisum begleiteten. Jede Musik, auch die der zwölf Feen, schien nicht an die Schönheit dieser Klänge heranzukommen. Und als Eneicisum endete, hörte Mohtaf ihr Lied im Herzen weiterklingen. Doch wieder mußten die Drei ans Aufbrechen denken und so gingen alle in den Spiegelsaal hinunter und hinaus zur Kutsche. Mohtaf war noch so von der Musik gefangengenommen, daß es ihm nicht auffiel, wie seine Freunde sich so anders verabschiedeten als sonst. Sie wünschten ihm alles Gute und riefen im Davonfahren immer wieder: "Auf Wiedersehen, Mohtaf! Auf Wiedersehen!"

Glücklich ging Mohtaf zu Bett und wieder spielten die Feen das Traumlied für ihn, - er fühlte sich richtig wohl.

Der nächste Tag war wieder angefüllt mit Basteln, Musizieren, Singen und Tanzen. Doch als die Zeit der Ankunft Eneicisums, Erecnis" und Nosireugs gekommen war, und Mohtaf von den Dreien nichts entdecken konnte, wurde er unruhig. Es konnte doch nicht sein, daß sie ihn einfach vergessen hatten? Sicherlich wurden sie von jemandem aufgehalten und kamen später. Doch als sein Warten umsonst blieb, wurde er sehr traurig. Seine frohe Stimmung war wie weggeblasen. Er ging in seine Bibliothek, holte die Aufschriebe der letzten drei Tage und setzte sich ins Blumenzimmer. Während er alles, was er mit Erecnis, Eneicisum und Nosireug erlebt hatte, noch einmal durchlas, kullerten ihm die Tränen über seine Wangen - und die Blumen senkten ihre Köpfchen und weinten mit ihm.

Als er das letzte beschriebene Blatt weggelegt hatte, fühlte er sich ganz allein. Auf einmal spürte er den starken Drang in sich, sein Leid aufzuschreiben. So lief er wieder in die Bibliothek und schrieb sich alles, was ihn bedrückte, von der Seele. Beim Notieren seiner Gedanken und Gefühle spürte er, wie langsam Enttäuschung und Mißmut in ihm aufkamen. Wie konnten die Drei wegbleiben, ohne es ihm zu sagen oder ihn vorzuwarnen! Das war ja mehr als unhöflich. Sie taten ihm weh; ließen ihn einfach sitzen! - Warum waren sie denn überhaupt zu ihm gekommen? -

Doch Mohtaf kam nicht weiter. Niemand war da, der ihm auf seine Fragen geantwortet hätte. So ging er an diesem Abend zum ersten Mal, seit er im Eknese wohnte, unzufrieden zu Bett.

Lange konnte er nicht einschlafen. Aber die Müdigkeit übermannte ihn schließlich doch. Als die zwölf Feen aus ihrem Schrank stiegen und zu spielen begannen, fand Mohtaf in ihrem Musizieren wieder etwas Ruhe. Er vergaß alles, was ihn bedrückte und konnte bald wie früher im Traume lächeln.

Am Morgen des nächsten Tages jedoch lernte Mohtaf eine neue Empfindung kennen: Die Einsamkeit. Er wünschte sich jemanden, mit dem er reden konnte, der ihn verstehen, der ihn trösten und ermuntern würde. Doch er war und blieb allein. Er versuchte an seinem Schmetterlingsspielwerk weiter zu basteln, aber die Schmetterlinge sahen wie krank aus und konnten nicht mehr fliegen. Die Töne, die er seiner Flöte abquälte, waren viel zu traurig, so daß es auch ein Wunder gewesen wäre, wenn die Schmetterlinge lustig geflattert hätten.

Im Blumenzimmer weinten die' Blumen noch immer - und so hatte Mohtaf auch an ihnen keine rechte Freude.

Im Stebeg-Zimmer hörte er nur noch sich selbst und die trüben Gedanken stürmten nur so auf ihn ein. -

Hier hielt er es ebenfalls nicht lange aus. Selbst zu Mittag, da sich Mohtaf sonst eigentlich immer mit frischem Appetit die besten Speisen ausgesucht und verzehrt hatte, konnte er sich nicht dazu entschließen, überhaupt etwas zu essen.

Als Mohtaf in den Spiegelsaal trat, erschrak er sehr über sein verändertes Aussehen. Sein sonst fröhlich lachendes Gesicht war ein Zeichen der Trauer und seine früher lustigen Augen schienen fast zu verschwinden, so sehr waren sie vom vielen Weinen angeschwollen. Mit hängenden Schultern und gesenktem Haupt stand er da. Hier in diesem Raum schienen viele Mohtafs zu stehen; er konnte sich also einbilden, er sei nicht allein. Doch umgeben von lauter traurigen und verweinten Gestalten, das war genauso schlimm wie einsam sein. So machte Mohtaf auch hier wieder kehrt und ging in sein Schlafzimmer. Wenigstens im Traum war er nicht allein. Die Feen kamen zu ihm und ihre liebliche Musik ließ sein Herz wieder aufatmen.

Es verging Tag um Tag. Mohtaf vernachlässigte seine Blumen, war ganz lustlos und apathisch. So kam es, daß sein einstmals helles und sauberes Schlößchen unordentlich aussah, wäre zum Beispiel Erecnis zu ihm gekommen, er wäre verwundert gewesen, wie sehr sich Mohtaf und mit ihm auch sein Eknese verändert hatten. Aber niemand klopfte an das Tor und auch die Glocke schwieg. Am liebsten lag Mohtaf in seinem Bett. Wenn er schlief, d. h. wenn er einschlafen konnte, so schien alles gut zu sein. - Doch wer kann ständig schlafen?

Als es Mohtaf im Eknese nicht mehr aushielt, weil die Mauern auf ihn einzustürzen drohten, ging er hinaus. Es wurde gerade wieder dunkel und die Nacht zog langsam herauf. Da entdeckte er in einiger Entfernung ein paar Gestalten. Es sah aus, als hüpften sie lustig herum - aber genau konnte es Mohtaf nicht sehen.

Langsam kam der Zug näher und der wartende Junge unterschied vier Gestalten: ein Mädchen in einem roten Kleid und drei Jungen in grauen Gewändern. Hüpfend, lachend und lärmend kamen sie heran und blieben vor Mohtaf stehen. Das Mädchen fragte ihn mitleidig, warum er so traurig und allein da stünde, und - erfreut, nach so langer Zeit wieder jemanden zu treffen, erzählte Mohtaf ihnen sein Leid. Da sagte einer der Jungen: "Ich bin Flub, und du kannst mir glauben, daß ich mir an deiner Stelle schon lange andere Freunde gesucht hätte - richtige Freunde,meine ich, nicht solche wie Eneicisum, Erecnis oder Nosireug! Sie haben dich ja nur ausgenutzt!" Und der zweite Junge, der Erised hieß, meinte: "Das glaub ich auch. Sonst hätte dir Eneicisum doch auch ein Geschenk mitgebracht!" Der dritte Junge hieß Sirc und stimmte den beiden anderen zu. Da bot das Mädchen Mohtaf Hilfe an, worauf der sie alle erfreut zu sich einlud. Während sie in sein Eknese hineingingen, fragte er das Mädchen im roten Gewand nach seinem Namen, denn den kannte er als einzigen noch nicht. "Ich heiße Secba", antwortete es. "Der Name ist schön nicht wahr?" Mohtaf bestätigte das. Er war seit langem wieder froh. Endlich hatte er jemanden, der sich um ihn sorgte, der bereit war, mit ihm zu spielen.

Im Schlößchen drinnen interessierte sich Secba viel genauer für sein bisheriges Leben. Deshalb führte Mohtaf sie in seine Bibliothek. Weil er aber langsam müde wurde, erlaubte er den vieren seine Aufschriebe selbst aus den Regalen zu nehmen und zu lesen.

Interessiert und genau lasen sie alles durch. Aber als Mohtaf so müde war, daß er fast einschlief, legten sie alle Papiere weg und verabschiedeten sich. Angstlich fragte Mohtaf, ob sie denn auch wiederkommen würden - er wollte nicht mehr alleine sein. Das Mädchen und auch die Jungen versprachen es ihm ganz fest. Während Mohtaf in sein Bett stieg, fielen ihm schon die Augen zu.

Am nächsten Abend erschienen die Vier wieder. Mohtaf zeigte ihnen außer seiner Bibliothek auch noch andere Zimmer. Im Speisesaal gefiel es ihnen sehr gut. Sie holten sich einige Platten mit schmackhaftem Essen und schmausten mit großer Wonne.

Später fragte Secba: "Mohtaf, möchtest du eigentlich nicht einmal zu uns mitkommen?" Begeistert nahm Mohtaf die Einladung an. Es wurde ausgemacht, daß er in der kommenden Nacht zu einem Fest bei Freunden mitgehen werde. Natürlich erwartete Mohtaf den folgenden Abend mit großer Spannung. Und auf dem Weg zum Festsaal ließ er sich gerne von der lustigen Stimmung der Vier mitreißen. Das Fest fand in einem großen Gebäude statt. Mohtaf folgte Erised, Flub, Sirc und Secba eine breite Treppe hinab. Hier, im hellerleuchteten Saal, herrschte schon ein buntes, lustiges Treiben. Eine Gruppe von musizierenden Kindern und Erwachsenen versuchte alle zum Tanzen zu bewegen. Und auch Mohtaf konnte mit seinen Freunden nicht lange der Versuchung widerstehen und so sprangen sie hüpfend mit den anderen herum.

Mohtaf wurde von allen willkommen geheißen - alle interessierten sich für ihn: Er war Mittelpunkt. So gut hatte er sich noch nie amüsiert. Eigentlich war es ja auch das allererste Mal, daß er bei anderen zu einem Fest eingeladen war.

Als es Mitternacht wurde, sammelten sich alle Tänzer und Spieler in der Mitte des Saales. Einer der Musikanten schlug auf den Gong. - Da drehten sich die Außenwände des Raumes und Mohtaf staunte nicht schlecht, als Tische mit den herrlichsten Speisen zum Vorschein kamen. Die Festbesucher stürmten wie eine Herde hungriger Löwen darauf zu. Auch Mohtaf konnte ein schönes Stück Fleisch ergattern. Zu Essen gab es viel und alles, was das Herz begehrte.

Um ein Uhr jedoch ertönte wiederum der Gong und damit war die Tafelrunde aufgehoben. Erneut drehten sich die Wände. Aber diesmal kamen Tische mit glänzenden und leuchtenden Steinen zum Vorschein. Fasziniert bestaunte Mohtaf das Glitzern und Wechseln der Farben.

Doch dann wurde es Zeit wieder in sein Eknese zurückzukehren. Sirc, Flub, Secba und Erised begleiteten ihn nach Hause. Müde, aber noch voller Begeisterung verabschiedete sich Mohtaf bis zum nächsten Abend. Als er endlich ins Bett stieg, graute schon fast der Morgen. So kam es, daß er bis zur Mittagszeit schlief.

Nach langer Zeit versorgte er wieder einmal seine Blumen und die Vögel und freute sich auf das neue Zusammentreffen mit seinen Freunden. Als es soweit war, brachte Erised für Mohtaf ein in Goldpapier verpacktes Geschenk mit. Und was kam heraus? Ein leuchtend roter Edelstein! Secba hatte die Bewunderung in Mohtafs Augen gesehen, als sie beim Fest die vielen Steine angeschaut hatten und so brachten sie ihm nun einen solchen mit. Jetzt tauchte jedoch die Frage auf, wo ihn Mohtaf am besten aufbewahren konnte. Flub sagte, daß der Stein im Dunkeln am schönsten leuchten würde. Da hatte Secba eine Idee. Sie fragte Mohtaf, ob er ihn nicht vielleicht ins dunkle Zimmer auf einen Tisch legen wolle. Der war zuerst etwas befremdet, denn das dunkle Zimmer hatte er seit seinem ersten Erkundigungsgang nicht mehr betreten. Doch als auch Erised und Sirc auf ihn einredeten, es zumindest einmal auszuprobieren, gab er nach. Gemeinsam öffneten sie die Türe und trugen einen kleinen Tisch aus dem Speisesaal hinein. Sie legten den roten Stein darauf, - und wirklich! - Der Stein schien den ganzen Raum in gedämpftes rotes Licht zu tauchen. Und er selbst strahlte, daß man versucht war, eine rote Sonne in ihm zu vermuten. Mohtaf war fast geblendet.

Am nächsten Abend fand wieder ein Fest bei einem der lustigen Gesellen statt. Diesmal erschienen nach dem großen Schmaus bunte Blumen, so daß sich Mohtaf wie in einem Gewächshaus vorkam. Doch das besondere an den Blüten war, daß sie aus feinstem Seidenstoffe und anderen edlen Geweben hergestellt waren; aber so wirklichkeitsgetreu, daß Mohtaf kaum glauben konnte, daß sie unecht waren.

Wieder erhielt er am nächsten Abend von seinen vier Freunden ein Geschenk. Und was es diesmal war, ist natürlich leicht zu erraten: eine Kunstblume! Mohtaf freute sich riesig und zierte den Edelstein mit der neuen Blume. In dessen rotem Licht wirkten Blüten und Blätter wie hauchdünnes, durchscheinendes Glas.

Das ehemals dunkle Zimmer wurde belebt und übte einen gewissen Reiz und Zauber auf Mohtaf aus. Wenn er nicht gerade auf einem der vielen Feste war oder schlief, lief er nun des öfteren ins dunkle Zimmer. Im Laufe der Zeit wurden die Schätze mehr und mehr. Inzwischen hatte Mohtaf noch leuchtende Steine mit blauen, weißen, grünen und gelben Strahlen bekommen. Auch die schönen Blumen, die er nicht einmal zu gießen brauchte, hatten sich vermehrt. Außerdem besaß er eine Musikmaschine, ein winziges Spiegelschränkchen und ein Spielwerk mit Gongs, Pauken und Trompeten. So wurde es im dunklen Zimmer immer interessanter und schöner.

Bald war es soweit, daß Mohtaf sein erstes Fest halten wollte, zu dem viele neue Freunde geladen wurden. Gemeinsam mit Erised, Flub, Sirc und Secba bereitete der kleine Schloßherr eine große Feier vor. Im Speisesaal wurden alle Tische gedeckt und das Schlößchen von Innen und Außen mit bunten Lampions beleuchtet. Für die nötige musikalische Unterhaltung hatte Mohtaf die Musikmaschine mit dem Spielwerk vorgesehen.

So konnte der festliche Abend also beginnen.

Allmählich versammelten sich die Gäste. Mohtaf freute sich, daß so viele seine Einladung angenommen hatten und ihn durch ihre Anwesenheit beehrten. Nach einer offiziellen Begrüßungsrede gab er den Anwesenden sein Schlößchen frei. Jeder vergnügte sich in dem Raum, der ihm gerade am meisten zusagte. Im Speisesaal wurde unter großem Hallo ein Spanferkel zerteilt und gefuttert. Und im Blumenzimmer gefiel es vor allem den verliebten Pärchen unter Mohtafs Gästen. Im Spiegelsaal wurde getanzt. Die Musik der Musikmaschine klang weit durch die hohen Räume und so konnte man sie überall, selbst bei geschlossenen Türen, vernehmen. Für den Höhepunkt des Abends hatten Secba und Erised eine Überraschung angesagt. Gespannt erwarteten alle die große Stunde. Da trugen die beiden verschlossene Gefäße, die wie bauchige Krüge ohne Henkel aussahen, herein. Zuerst öffnete Erised seinen Krug und staunend sahen alle grünen Nebel aus der Öffnung steigen. Zugleich mit diesem verbreitete sich ein süßer, lieblicher Duft im Raum. Begeistert klatschten alle in die Hände und ermunterten Secba, nun ihr Geheimnis zu lüften. Diese ließ allen kristallklare Gläser austeilen, ging von einem zum anderen und füllte jedes Glas mit blaufunkelndem Wein. Lachend stießen die Gäste mit ihrem Gastgeber und auch untereinander an. Es kam eine glänzende Stimmung auf und sowohl der Tanzsaal als auch all die anderen Zimmer wurden erneut voll in Anspruch genommen.

Als dann die Sonne ihre ersten Strahlen auf die Erde schicken wollte, verabschiedeten sich die Gäste nacheinander von Mohtaf, dankten ihm für die Einladung und beglückwünschten ihn zum gelungenen Fest. Bald waren alle, außer Erised, Flub, Sirc und Secba gegangen und jetzt erst wurde Mohtaf bewußt, wie anstrengend die Gastgeberrolle ist.

Plötzlich hörte er Sirc laut um Hilfe Schrein und gleich darauf kreischte Secba. Schnell rannte Mohtaf den beiden zu Hilfe und blieb wie erstarrt in der Türe zum dunklen Zimmer stehen. Es bot sich ihm ein grausiges Bild. Zwei Tische waren umgestürzt und die Steine und Blumen, die darauf gewesen waren, lagen verstreut und zerbrochen umher. Sirc lag mit dem Rücken auf dem Boden, die Hände abwehrend gegen eine riesige Spinne gestreckt, welche mit ihren schwarzen, haarigen Spinnenbeinen das halbe Zimmer füllte und eines kurz über Sircs Kopf hielt. Nicht weit von einem der langen Spinnenfüße entfernt preßte sich Secba an die Wand. Ihr Gesicht schien leichenblaß. Sirc schrie fortwährend um Hilfe.

Gerade als Mohtaf wieder zu denken anfing und neben sich Erised und Flub gewahrte, öffnete die Riesenspinne ihr zottiges Maul und lachte höhnisch: "Ha! Na, Mohtaf, du scheinst ja sehr erstaunt darüber zu sein, daß du in deinem Eknese noch einen bisher nie gesehenen, unbekannten Gast beherbergst! -Na komm, sag doch etwas. Oder bist du auf den Mund gefallen?" Mohtaf mußte einigemale gewaltig schlucken, ehe er den Mund aufbrachte: "Wer bist du? Und was machst du hier?" Wieder lachte die Spinne höhnisch: "Ich bin Nosiop! Die schwarze Spinne! Ha-ha.. Und jetzt, da du mich gesehen hast, bin ich deine Meisterin, Ha-ha! Du mußt tun, was ich will, verstanden?!"

Erschrocken und zitternd stand Mohtaf da. Die bösen Worte der Spinne mußte er erst einmal verarbeiten. Endlich wagte er ängstlich zu fragen: "Und was hast du mit Sirc und Secba vor?" Lachend antwortete Nosiop : "Gar nichts! Die haben mir nur geholfen, den Turm heraufzukommen. Ha-ha.. Erised und Flub haben auch das Ihrige dazu getan." Die vier Genannten stellten sich vor Nosiop hin, verneigten sich und gingen stumm hinaus. Kein Blick streifte den bis ins Tiefste getroffenen Jungen. -

Mohtaf war allein mit der furchterregenden Spinne. Diese kam so nahe an ihn heran, daß er glaubte, jeden Augenblick würde ihr gräßlich-riesiger Leib auf ihn herabstürzen und ihn zermalmen. Nosiop weidete sich an Mohtafs Angst. Als der aber über einen Ausweg nachzudenken begann, spottete sie und sagte: "Es ist zwecklos, daß du dir das Gehirn zermarterst; es gibt kein zurück mehr! Wenn du nicht tust, was ich von dir verlange, wirst du die Folgen eben selbst zu tragen haben. - So, und jetzt habe ich Hunger! Bring mir aus dem Blumenzimmer die schönsten Blütenköpfe!" Mohtaf zögerte. "Na wird's bald! Oder soll ich selber gehen? Gezwungenermaßen lief Mohtaf ins Blumenzimmer. Traurig besah er sich die Bescherung, die seine Festgäste angerichtet hatten. Eine große Anzahl der Blumen lag abgebrochen, zerknickt und zertreten am Boden! Und die, die jetzt noch lebten, die nicht welk waren, sollte er köpfen! - Aber die Angst vor der Spinne war so groß, daß er wohl schweren Herzens aber eilig den Korb füllte. Je mehr er pflückte, desto gleichgültiger wurden ihm seine Blumen.

Den vollen Korb stellte er vor Nosiop hin und während die sich gierig darauf stürzte, versuchte Mohtaf sich über das Vergangene klar zu werden. Waren Erised, Flub, Sirc und Secba, ja auch all die anderen "Freunde", die er jetzt hatte - oder gehabt hatte? - , waren sie alle nur die Sklaven der Spinne? Und er, war er jetzt auch nichts anderes, als ein gemeiner Sklave? -Da schaute Nosiop auf und lachte: "Deine Gedankenkraxeleien kann ich kurz mit einem "Ja" beantworten, Ha-ha.." Mohtaf war nicht wenig erschrocken, daß die Spinne seine Gedanken lesen konnte. -

"So und jetzt mache ich einen kleinen Verdauungsspaziergang", sagte Nosiop, als sie ihr Mahl beendet hatte. "Und du, mein kleiner Grübler, wirst mich begleiten!" Sie stieg über Mohtaf hinweg und zwängte sich durch die Türe hinaus in den Gang.

Überall hatte sie ihre langen Spinnenbeine, an der Decke, an den Wänden, auf dem Boden und überall hinterließ sie giftgrüne Schmierspuren. Zuerst steuerte sie auf die Bibliothek zu und Mohtaf mußte aufschließen. Das war ihm gar nicht recht, denn wenn die Spinne mit ihren ekelhaften Beinen über seine Aufschriebe laufen würde, so würde vieles unleserlich und zerstört. Doch sein Bangen half nichts, denn kaum hatte sich Nosiop in dem hellen weiten Raum ausgebreitet, als sie auch schon befahl: "Mohtaf! Los, bring Blätter und Schreibzeug, setz dich hin und schreibe, was ich dir sage!" Mohtaf wollte nicht gehorchen, aber er wußte sich nicht gegen die Spinne zu wehren. Zuerst dachte er an Flucht. - aber sein Schlößchen der Spinne überlassen? Nein! - Und wohin hätte er auch gehen sollen? Seine Freunde waren ja gar keine Freunde, sondern ebenfalls gehorsame Untertanen der Spinne. Also tat er, wie befohlen. Auch wenn ihm das, was Nosiop diktierte zuwider ging. "So ist es recht!" sagte diese und ließ ihn das Fest und alles, was danach geschehen war beschreiben. Allerdings hörte sich der Text ganz anders an, als es in Wirklichkeit gewesen war. Und was Mohtaf überhaupt nicht gefiel: Er mußte Nosiop als seine Meisterin loben und anerkennen!

Als er versuchte, die Wahrheit hineinzumogeln, sauste einer von Nosiops Füßen auf das Geschriebene und da, wo zuvor Mohtafs Worte standen, war nun ein giftgrüner Klecks. Die Spinne hatte wahre Luchsaugen, denn obwohl Mohtaf es nun mit kleinen, bloß kurzen Andeutungen versuchte, entstand doch immer nur ein garstiger Fleck. Nosiop schien dies auch noch Spaß zu machen, denn sie lachte bei Mohtafs vergeblichen Bemühungen nur hämisch.

Nachdem dieses einseitige "Lustspiel" beendet und die Papiere eingeordnet waren, verlangte Nosiop alle Aufschriebe von Mohtaf, die er bisher in seiner Bibliothek aufbewahrt hatte. Da weigerte sich Mohtaf strickt. Deshalb kam die Spinne immer näher auf ihn zu. Er stand vor dem Regal und versuchte sie durch Bitten und Betteln von ihrem Vorhaben abzubringen. Doch vergeblich! -Mit einen ihrer haarigen Seine drückte sie Mohtaf zu Boden und die anderen sammelten alle Papiere ein. Nosiop war wütend über Mohtafs Widerstand und befahl ihm, liegenzubleiben, während sie mit ihrer Beute verschwand. Weinend lag Mohtaf am Boden. Sein ehemals weißes Gewand hatte einen garstigen Flecken, so wie die ganze Bibliothek mit Spinnensaft besudelt war. Hohnisch lachend kam Nosiop zurück und befahl ihm, den Schlüssel für die Bibliothek abzugeben. Mohtaf gehorchte. Er fühlte sich ganz leer. - Gnädig erlaubte ihm die Spinne, schlafen zu gehen und er verschwand still in seinem Schlafzimmer.

Die Nacht hindurch träumte Mohtaf von Spinnenbeinen, grünem ekelhaftem Saft und immer wieder sah er die häßlich lachende Fratze Nosiops vor sich. Gerädert und schweißgebadet erwachte er, als es laut an seine Schlafzimmertüre pochte. Nosiop wollte frühstücken. Mohtaf mußte ihr den Schlüssel zum Blumenzimmer geben und sie stürzte sich gierig auf die Blumenreste.

Obwohl Mohtaf kaum Hunger verspürte, aß er anschließend im Speisesaal doch alles, was ihm die Spinne vorsetzte. Nach diesem lustlosen Vollstopfen mußte er alle schönen Spielwerke aus dem Bastel- ins Stebeg-Zimmer räumen; dessen Schlüssel die schwarze Meisterin wieder zu sich nahm und wie auch die anderen zuvor verschwinden ließ.

Als die Reihe an den Spiegelsaal kam, wollte Mohtaf nocheinmal für einige Augenblicke aufmucksen; doch ein Blick aus den grünen Spinnenaugen genügte, um ihn gefügig zu machen. Vor den Spiegeln, die Kratzer und Schmutzflecken vom Festabend zurückbehalten hatten, wagte Mohtaf kaum aufzublicken. Als er die Augen hob, sah er nur überall Spinnen, schwarze und grüne Farbe und sein schmutzig-verzerrtes Spiegelbild, das eine jämmerliche und eingesunkene Gestalt zeigte. Von dem einstmals fröhlich hüpfenden Jungen war nichts mehr zu sehen. Er folgte der Spinne aufs Wort und sie folgte ihm auf Schritt und Tritt.

Den Rest des Tages verbrachte Mohtaf damit, im Bastelzimmer nach Nosiops Anleitung scheppernde Apparate zu bauen. Und am Abend schloß die Spinne auch noch sein Schlafzimmer ab, so daß er bei ihr im dunklen Zimmer übernachten mußte.

Schlimm war, daß er alles, was ihm weggenommen und abgeschlossen wurde, nach und nach vergaß!

So verging die Zeit mit Essen, Basteln, Schreiben, aber alles unter Nosiops Aufsicht und Anleitung. Bald tat Mohtaf freiwillig, was die Spinne von ihm wollte und es wurde immer dunkler und kälter im kleinen Eknese. Es war, als hätte es nie etwas anderes, nie ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit von Nosiop gegeben. Alles, was davor gewesen war, hatte Mohtaf vergessen; beispielsweise seine ersten Besucher, die Traumfeen und die Musik! In der Bibliothek waren nur die Aufschriebe seit dem großen Fest und auf dem Papier stand nur Gutes über Nosiop, seine Meisterin.

Es hätte sich wohl auch nichts mehr verändert, wenn nicht drei wirkliche Freunde Mohtafs von einer langen Reise zurückgekommen wären und ihn hätten besuchen wollen. Das waren Nosireug, Erecnis und Eneicisum.

Als sie mit ihrer Kutsche vor dem Schlößchen hielten, schauten sie sich erstaunt an. Waren sie hier überhaupt an der richtigen Stelle? War Mohtaf fortgegangen? - Doch da vernahmen sie plötzlich lautes Scheppern und Getöse. Dann rief eine grelle Stimme einige Worte, die sie nicht verstehen konnten und daraufhin lachte eine andere ganz häßlich.

Erschrocken zuckten die drei Kinder zusammen. Aber Erecnis faßte sich schnell wieder: "Es ist also jemand da. Kommt, wir fragen einfach nach Mohtaf!" Sie zogen an der Glockenschnur. Nichts rührte sich. - Da sahen sie erst, daß die Glocke herabgefallen und das Seil alleine hängen geblieben war. So klopften sie an die Türe.

Nach einiger Zeit hörten sie jemanden kommen und öffnen. - Fast hätten sie Mohtaf nicht mehr erkannt! Doch daß dieser zerlumpte, schmutzige Kerl vor ihnen sich einmal ihr Freund genannt hatte, entging ihnen trotz aller Veränderung nicht. Betroffen schauten sie ihn an. Eneicisum wagte es, ihn anzusprechen und grüßte: "Hallo Mohtaf! Wir sind wieder da!" Da lachte er, daß es ihr ganz unheimlich wurde und rief: "Ha! Ich soll euch wohl kennen, ihr Vagabunden! Seht zu, daß ihr woanders unterkommt!" Erecnis konnte es nicht glauben. "Aber du mußt uns doch kennen, Mohtaf! Ich bin Erecnis - und die beiden, Eneicisum und Nosireug, wir waren doch vor einem Jahr bei dir." Da wurde Mohtafs Gesicht ganz häßlich und er spuckte Erecnis ins Gesicht. "Wenn du meinst, daß ich dir glauben könnte, so irrst du dich gewaltig. Hier war und ist nie jemand anderes als meine Meisterin mit mir gewesen!" Dabei wandte er sich ins Dunkel zurück und die drei Kinder konnten die Augen der Spinne aufleuchten sehen, als sie Mohtaf lobte: "Ja, so ist es recht, mein Junge! Laß dich doch nicht belästigen - vor allem nicht von so dummen Kindern!"

- Nosiop ! -

Jetzt wußten die drei Bescheid. Mohtaf war in die Klauen ihres größten Feindes gefallen!

Da knallte der auch schon die Türe zu und ging höhnisch lachend weg. Traurig standen die Kinder vor dem Tor. "Wir müssen ihn befreien!" dachten sie und begannen sich gemeinsam nach einem Ausweg für ihren einstmals so lieben Freund zu suchen. "Sie hat ihm sicher seine ganzen Erinnerungen geklaut!" seufzte Eneicisum, "wie sollen wir sie ihm denn wiedergeben? - Und ohne Erinnerung kann er Nosiop nicht besiegen!" Nosireug grübelte darüber nach, wie sie zuerst einmal Nosiops Einfluß auf Mohtaf beenden könnten.

Auch Erecnis zerbrach sich den Kopf. Da sagte Nosireug plötzlich: "Unsere einzige Möglichkeit ist es, ihn durch irgend etwas, was ihn damals besonders tief beeindruckt hat, wach zu rütteln. Nosiop hat sicher nicht alles zerstören können." Die anderen stimmten zu. Doch von allem, was sie vor einem Jahr noch gemeinsam erlebt hatten, war Mohtaf eben durch Nosiop getrennt und sie selbst konnten nicht ins Schlößchen hinein. Weder Schmetterlingsspielwerk noch Spiegelsaal und Töneturm waren für sie erreichbar. Und von den Blumen wußten sie, daß die Spinne sie gefressen haben würde. Doch - hier fiel Nosireug etwas ein. "Eneicisum, du hast doch von Mohtaf die schöne blaue Blume bekommen!" "Ja", sagte sie, "das wäre etwas, womit wir es versuchen könnten." Aber Erecnis warnte sogleich: "Denkt doch daran, daß Nosiop sie sofort verschlingen wird, wenn du Mohtaf die Blume gibst! Sie ist doch ständig um ihn herum."

Jetzt wußte Eneicisum nur noch eines: "Am letzten Abend, als wir bei ihm waren, hab ich im Töneturm für ihn gesungen. Wenn ich es nocheinmal mit dem Singen probiere?" "Das ist es!" riefen Erecnis und Nosireug gemeinsam.

Am nächsten Morgen kamen die drei Kinder mit einer Gitarre und der Eneicisum-Blume, die sie noch versteckten, und setzten sich vor das Tor. Eneicisum nahm das schöne Instrument und spielte wieder ihr wunderbares Lied- Sie sang und sang - und ihr Singen blieb nicht ohne Erfolg. Denn wenn auch nach langem Singen, so kam Mohtaf doch endlich an das Tor und öffnete, um die Musikantin zu sehen.

Da stand der zerlumpte Junge in Tor und schaute mit seltsamen Blick auf Eneicisum. Diese hörte nicht auf, sondern sang nun aus ganzem Herzen und nur für ihn.

Nosiop erschien hinter dem Jungen, doch es schien, als hätte sie im Augenblick keine Macht mehr über ihn. Denn er reagierte gar nicht auf ihre bösen Worte. Vielmehr begann er wie von Zauberhand angesogen, auf Eneicisum zuzugehen. Dabei wirkte sein Gesicht wie verklärt. Die häßlichen Grimassen waren verschwunden und selbst die tiefen Falten in seinem Gesicht hatten sieh geglättet.

Vor Eneicisum angekommen kniete er nieder und - lauschte. In seinem Inneren regte sich etwas seltsames. Da begannen ganz zart Saiten zu schwingen, die lange, lange Zeit zum Schweigen verurteilt gewesen waren. Es dämmerte ihm und er begann sich an diese wunderschöne Musik zu erinnern. Doch er wußte nicht, woher er dieses Lied kannte.

Eneicisum endete und schaute freundlich lächelnd in seine fragenden Augen. Lange Zeit sprach keiner von den vier Kindern. Doch dann sagten die drei Besucher ganz leise "Hallo" zu Mohtaf und diesmal reagierte er mit einem zaghaften Gruß. Da freuten sich die anderen und Nosireug holte die kleine Eneicisum-Blume hinter seinem Rücken hervor. Er hielt sie so vor Mohtaf hin, daß die böse Nosirop, die noch immer im Tor stand und ohnmächtig zusehen mußte, wie ihr Mohtaf von den dreien langsam entrissen wurde, nicht ahnte, welches kostbare Kleinod Nosireug in den Händen hielt.

Mohtaf staunte über die Schönheit der Blume, über deren wunderbare Farbe und ihren Duft. So etwas zauberhaft Schönes glaubte er noch nie gesehen zu haben, um Nosiop herum war alles düster und schwarz. Wenn etwas glitzerte, dann waren es kalte Steine und beim Anfassen fror man richtig. Aber hier draußen in der Sonne war es nicht nur äußerlich warm. Nein, auch in Mohtafs Herzen, begann es zu tauen. Auf einmal merkte er, wie erschreckend hart und eisig kalt es in ihm war und als er dies erkannte, wurde der Weg zum Gespräch zwischen den Kindern frei. Erecnis erzählte alles, was sie miteinander erlebt hatten, doch Mohtaf wußte von all dem noch immer nichts. Aber - den nächsten Schritt mußte Mohtaf nun alleine tun! Nämlich sich ganz und gar von Nosiop lossagen und sie im Kampfe besiegen. Dabei war der Junge noch immer nicht vor ihrem Einfluß sicher.

Würde er stark genug sein, sich gegen sie zu wehren?

Die drei versuchten ihm vieles zu erklären und die Boshaftigkeit und Falschheit Nosiops zu beweisen. Mohtaf konnte sich solches, was er da zu hören bekam, kaum vorstellen, bisher war die Spinne seine Richtschnur gewesen. Doch weil die anderen ihm so viel wunderbares und schönes vermittelten, weil sie ihn zu nichts zwangen, sondern ihn mit ihrer schönen Musik ein ganz neues, warmes Empfinden geschenkt hatten, begann er ihnen zu glauben, ohne daß sie alles beweisen konnten. Als er verstanden hatte, daß es nun an ihn selbst lag, sich sein weiteres Leben auszusuchen, bat er die drei ihm weiterzuhelfen. "Ohne einen Kampf mit Nosiop geht es nicht" sagten sie, "du mußt ihr alleine gegenüberstehen und ihr ins Gesicht sagen, daß du ihr nicht mehr gehorchen wirst und bereit bist, mit ihr zu kämpfen. Sie wird dich mit Versprechungen und Drohungen zu halten versuchen, aber du mußt widerstehen! Dann wird sie es zum Kampf kommen lassen. Du wirst keine andere Waffe haben, als das Wissen um die Eneicisum-Blume und daß wir da sind, für dich alleine musizieren. Vor allem darfst du dich nicht mehr vor ihr fürchten, denn wenn du keine Angst mehr vor ihr hast, ist sie viel schwächer, als es jetzt aussieht. - Hast du sie besiegt, dann verlange sofort alle Zimmerschlüssel zurück. Wenn du dies vergißt, verschwindet sie und du kannst dir deine Erinnerungen nicht zurückholen! Also denke daran!"

Mohtaf brauchte einige Zeit, bis er sich dazu durchgerungen hatte, den Ratschlägen der drei in vollem Vertrauen zu folgen. Dann aber war er fest entschlossen! Um die nötige Kraft zu bekommen, bat er Eneicisum noch einmal für ihn zu singen; daraufhin wollte er den Kampf wagen.

Die wunderbaren Klänge gaben Mohtaf so viel Mut, daß er vom Gelingen seines Vorhabens überzeugt sein konnte. Als er sich dem Tor zuwandte, aus dem ihm Nosiops grüne Augen entgegenfunkelten, drückten ihm die drei schnell noch einmal die Hand und sagten: "Du schaffst es, Mohtaf! Wir wissen es und warten hier auf dich!"

Voll Zuversicht stand er auf und trat der schwarzen, fürchterlich glotzenden Spinne entgegen. Hinter dem Jungen schloß sich das Tor und jetzt konnten die drei wartenden Kinder nichts mehr für ihren Freund tun als singen.

Drinnen standen sich die Meisterin und der untreu gewordene Sklave gegenüber. Nosiop hatte nicht hören können, was die Kinder miteinander gesprochen hatten, doch sie wußte durch Mohtafs verändertes Auftreten, was ihr bevorstand. Und schon öffnete der Junge den Mund: "Nosiop, höre, was ich dir zu sagen habe!". Hier unterbrach sie ihn gleich und sagte schrill: "Was fällt dir ein, so mit mir - in diesem Ton - zu reden!" Doch Mohtaf überhörte ihren Einwurf und fuhr fort: "Ab diesem Augenblick bin ich nicht mehr dein Sklave. Du bist keine Meisterin mehr und ich werde dir nie mehr gehorchen!" "Das werden wir ja noch sehen, du aufmöpfiger Dummkopf", brummte sie vor sich hin und laut: "Mohtaf, die drei da draußen haben dir sicher Lügenmärchen aufgetischt. Du hast so etwas noch nie gehört und glaubst ihnen natürlich alles, so wie du mir alles glaubst. Ich kenne diese Gaunerbande, ich hätte dich vor ihnen warnen sollen! Du armer Junge!" "Meine Freunde - die lügen nicht, - du lügst!" erwiderte Mohtaf fest. "Werd nicht frech, Bürschchen! Du vergißt, daß du noch immer in meiner Gewalt bist!" zischte sie, "und wenn du noch einmal etwas ähnliches sagen solltest, werde ich dich in meine Arme nehmen und ein wenig drücken!" Doch Mohtaf ließ sich nicht abschrecken. Nun sah er selbst, wie die Spinne ihn durch schmeichelnde oder drohende Rede niederhalten wollte. Er stand unerschrocken vor ihr und schaute ihr fest ins häßliche Gesicht. Unwillkürlich verglich er die drei vor dem Tor auf ihn wartenden Freunde und sein Gegenüber. Was für ein riesiger Kontrast! Draußen Wärme, Weichheit und Schönheit; hier drinnen Kälte, Härte und Dunkelheit. Wie hatte er dies nur ertragen können?

Da unterbrach die Stimme Nosiops seine Gedanken: "Mohtaf, mein guter Junge, du hast doch bei mir hier alles, was du dir wünschen kannst. Es gibt nur gutes Essen, du kannst basteln und bist nicht einsam, weil ich immer da bin. Was willst du mehr? Soll ich dir vielleicht noch einen von den herrlich leuchtenden Steinen schenken? Oder möchtest du einen Diener haben? Oder viele Geldstücke, so daß du der Reichste bist? Du brauchst es mir nur zu sagen, und ich werde dir deinen Wunsch erfüllen!"

Doch Mohtaf schüttelte den Kopf.

"Aber du kannst doch nicht so herzlos sein und mich wirklich verlassen wollen?" Jetzt versuchte sie Mohtafs wiederentdeckte weiche Gefühlsregungen auszunutzen. Allein, ohne Erfolg! Durch ihre Falschheit erreichte sie nur eines, nämlich Ekel. Mohtaf widerte das Gebahren der Spinne auf einmal so sehr an, daß er die ganze Angelegenheit möglichst schnell hinter sich bringen wollte. So rief er: "Ich fürchte mich nicht mehr vor dir und deinen langen Spinnenbeinen!" "So, so, - wenn du das meinst, dann kannst du es ja sicher auch beweisen. Komm Bürschchen, laß dich umarmen!" Als die häßliche Spinne nun langsam und drohend auf ihn zukam wurde ihm plötzlich seine eigene Winzigkeit gegenüber diesem Ungeheuer bewußt. Furcht und Zweifel kamen in ihm auf. Da lachte Nosiop laut und höhnisch, daß es dröhnte. Mohtaf raffte seinen ganzen Mut zusammen, dachte an das Lied von Eneicisum und die herrliche Blume. Ganz fest rief er sich seine drei Freunde ins Bewußtsein. "Sie warten auf mich. Sie glauben, daß ich siege, - und ich werde siegen !" sprach sich Mohtaf selbst Kraft zu. Nun befand sich Nosiop direkt über ihm. Um ihn herum waren nur Spinnenbeine, die zuckten und wenn er aufblickte, sah er Nosiops schwarzbehaarten Körper, bereit ihn zu zermalmen. Aus ihrem Maul tropfte grüner Saft. Ganz langsam umarmte sie den Jungen und begann ihn immer enger zusammenzudrücken. "Nicht aufgeben, Mohtaf, denk an Nosireug!" ermutigte er sich selbst. Der Schmerz in seinen Gliedern wurde immer stärker. Er hätte schreien können! Doch er wollte nicht aufgeben. Das wunderbare Lied! Nosireug! Erecnis! All das durfte er jetzt keinen Augenblick vergessen.

Bald stand Mohtaf bis zu den Knien in der ekligen Brühe. Die Beine schienen ihm fast zu erfrieren. Und gerade, als er glaubte, daß er die Schmerzen nicht mehr aushalten könne, daß er gleich nachgeben müßte - da gab Nosiop einen furchtbaren Laut von sich und ließ ihn plötzlich los. Mohtaf wankte und wäre beinahe gestürzt. Doch der Ekel vor der giftgrünen Flüssigkeit bewahrte ihn vor dem Umfallen. Er war Müde! Aber noch hatte er seine Aufgabe nicht ganz erfüllt. "Nosiop, gib mir sofort meine Schlüssel zurück!" Als er bei diesen Worten auf die Spinne blickte, war er verwundert darüber, wie verändert diese aussah. Ihr Leib war geschrumpft und ganz klein. Die Beine hängten zerknittert und kraftlos am leergepumpten Körper und das herrschsüchtige, böse Leuchten in ihren Augen war ganz schwach geworden. Seltsamerweise gehorchte die einstige Meisterin sofort und krabbelte zum dunklen Zimmer. Mohtaf folgte ihr. Sie stiegen den Turm hinab und unten, in der feuchten Kälte gab Nosiop ihrem Besieger sein Eigentum zurück. Dann brach sie zusammen und blieb wie tot liegen. Mohtaf atmete erleichtert auf. Er hatte es geschafft!

Obwohl er sich jetzt auch am liebsten einfach hingelegt hätte, raffte er seine restlichen Kräfte zusammen und stolperte hinaus vor das Schloß.

Wie war ihm, als er das Tor öffnete und aus der Dunkelheit ins helle Sonnenlicht trat. Sofort sprangen Erecnis, Nosireug und Eneicisun auf und halfen ihn die letzten Schritte zu tun. Mohtaf sank nieder. Er war total erschöpft, aber er lächelte. Er hatte eine Tat vollbracht, die er sich bis vor kurzem überhaupt nicht zugetraut hätte.

Nosireug bettete Mohtafs Kopf in seinen Schoß und legte ihm die Eneicisum-Blume in die Hände. "Mohtaf, wir freuen uns mit dir! Du warst so mutig und stark im Glauben. Ruhe dich aus, du hast es wirklich verdient." Eneicisum nahm wieder ihre Gitarre zur Hand und sang, - so daß Mohtafs Herz ganz weit und hell wurde. Glücklich schlief er ein, während seine Freunde für ihn sorgten.

Als er wieder erwachte, kitzelten ihn gerade einige Sonnenstrahlen im Gesicht. Seit langer Zeit hörte er zum ersten Mal wieder die Vöglein auf seinem Baume zwitschern.

Glücklich schauten sich die Kinder an und lachten. Wie wunderbar klang dieses Lachen! Nicht hart und boshaft, sondern so hell und leicht wie Glockentöne! Mohtaf war ausgeruht, frisch und munter. Er sprang auf. Jetzt konnten sie alle vier ins Schlößchen zurückkehren.

Was sich ihnen zeigte, war zwar wenig erfreulich, alles sah noch so aus, wie Mohtaf es verlassen hatte, aber dem konnte abgeholfen werden. Schnell öffneten die Kinder alle Türen und Fenster so weit es ging. Da kam viel Licht und frische Luft herein. Der nächste Weg führte in die Bibliothek. Mohtaf sollte sich wieder an alles vor Nosiops Zeit erinnern können. Allerdings fanden sie nur die von Nosiop diktierten Aufschriebe mit den garstigen Flecken und als sie diese wegzuwischen begannen, kamen doch schon einige Dinge zum Vorschein, die Mohtaf halfen sich zu besinnen. Wo aber waren die anderen Schriften? Sie konnten nur in Nosiops Reich versteckt worden sein. Also liefen die vier ins dunkle Zimmer, obwohl ihnen dieser Ort nicht angenehm war.

Sie durchsuchten jeden Winkel, konnten aber nichts finden. Da mußten sie noch in den dunklen Turm steigen. Weil die Spinne unten lag, stiegen sie zuerst nach oben. Und hier konnten sie dann mit Hilfe einer Kerze auch die inzwischen eingestaubten Stapel aus Mohtafs Vergangenheit entdecken. Schnell machten sie sich mit ihrem Schatz davon. Nicht eine Sekunde länger als notwendig wollten wollten sie in Nosiops Räumen bleiben. Im Gang angekommen, schlossen sie die Türe des dunklen Zimmers gewissenhaft hinter sich zu und eilten in die Bibliothek. Jetzt konnte Mohtaf endlich mit eigenen Augen sehen, was ihm Nosireug, Erecnis und Eneicisum angekündigt hatten. Da mußte er weinen. -

Wie hatte er es nur so weit kommen lassen können? Alles, was ihm lieb und wert war, durfte Nosiop mit ihren Sklaven zerstören.

Doch mit untätigem Bedauern wurde nichts wieder gut. Er bedankte sich bei seinen so treuen Freunden wiederholt und bat sie, ihm auch weiterhin zu helfen, die alte Ordnung herzustellen. Bereitwillig sagten sie ihm ihre Unterstützung zu.

Als erstes mußte Mohtaf nun die Räume von Schmutz und der grünen Feuchtigkeit reinigen. Dabei durften ihm die anderen jedoch nicht helfen. Denn das, was er in Unachtsamkeit zerstören ließ, wollte er alleine gutmachen. Allerdings halfen ihm seine Freunde auf ihre Art. Eneicisum sang und spielte auf der Gitarre, so daß Mohtaf die mühevolle, unangenehme Arbeit leichter von der Hand ging. Es war nicht so einfach, wie er geglaubt hatte, aber er nahm diese Anstrengung, wenn auch zeitweise unter Tränen, bereitwillig und gerne auf sich. Erecnis und Nosireug gaben ihm hilfreiche Fingerzeige.

Mohtaf schrubbte Wände und Böden. Auch die Fenster mußten geputzt werden. Und bei einem Schlößchen sind das auch nicht gerade wenige. Nach langen Tagen mühevollen Putzens leuchtete das Schlößchen wieder in alter Frische. Die Glocke ward an ihren Platz gehängt und die Zimmer richtig eingeräumt. Allen Dreck und Müll, den er nie mehr sehen wollte, räumte Mohtaf ins dunkle Zimmer - so daß niemand mehr hinein- oder herauskonnte.

Nur im Spiegelsaal wurde es nicht mehr wie früher. Die zersprungenen und zerkratzten Spiegel ließen sich nicht mehr ganz machen. Mohtaf schaute jedesmal beschämt hinein, denn sein an manchen Stellen verzerrtes Spiegelbild erinnerte ihn ständig daran, wie es in seinem Eknese bis vor nicht allzu langer Zeit zugegangen war. Und was auch schlimm war: Die Tür zum Töneturm ließ sich nicht mehr öffnen!

Im Blumenzimmer hatte Mohtaf mit der Eneicisum-Blume wieder begonnen, einen schönen Garten anzulegen. Und jeden Morgen, wenn er hineinkam, blühte eine Blume mehr als am Tag zuvor. Jede neue Pflanze war schöner als die vorherige, das führte dazu, daß Mohtaf und seine Freunde oft lange Zeit bei den Blumen verbrachten.

Mohtaf, der nun wieder jeden Tag ins Stebeg-Zimmer ging, um an den König zu schreiben, bekam eines Tages seltsamen Besuch.

Ein Mann in einem Sternengewand klingelte am Tor und sagte, daß der König ihn geschickt habe, um Mohtafs Eknese zu besichtigen. Irgendwie kam Mohtaf der Mann bekannt vor. Ach ja! - das war der Bote, der ihm damals den Schlüssel für dieses Schlößchen überbracht hatte.

Mohtaf konnte sein Eknese jetzt wieder sehen lassen und auch der Prüfer im Sternenkleid zeigte sich zufrieden. Nur im Spiegelsaal wurde Mohtaf etwas schuldbewußt. Traurig zeigte er auf die zerstörten Spiegel und bekannte seinem Besucher, daß auch der Töneturm für ihn unerreichbar geblieben sei. Da meinte der Gesandte des Königs: "Das ist eine Art Strafe dafür, daß du unaufmerksam warst - doch weil du dich aus ganzem Herzen bemüht hast, deine Versäumnisse wieder gut zu machen, darf ich dir eine freudige Botschaft verkünden. Der König freut sich darüber, daß du wieder an ihn schreibst und fröhlich bist. Deshalb hat er beschlossen, daß an dem Tag, an dem du ihm vor einem Jahr das letzte Mal geschrieben hast, einige Männer zu dir kommen und dir wieder klare Spiegel, ganz neue Spiegel bringen werden." Da fiel Mohtaf auf die Knie nieder - ein solch großzügiges Geschenk hatte er nicht erwartet, nachdem er den König doch beleidigt hatte. Er dankte dem Überbringer der Freudenbotschaft von ganzem Herzen und weinte, - diesmal aber vor Glück.

Es würde zwar noch einige Zeit dauern, bis diese Ankündigung Wirklichkeit geworden wäre, aber dann wäre alles vergeben!

Noch während Mohtaf sich bedankte war der Gesandte des Königs auf einmal verschwunden.

Eneicisum, Erecnis und Nosireug freuten sich mit Mohtaf, als er ihnen seinen Jubel anvertraute. Sie tanzten, lachten und spielten.

Bis die neuen Spiegel kamen, blieb Mohtafs Vorfreude unverändert. Als die schon lange angesagten Männer seinen größten Wunsch erfüllt und ihn dann unbeschreiblich glücklich zurückgelassen hatten, mußte der kleine Schloßherr seine Freude unbedingt mit seinen Freunden teilen. Gemeinsam traten die vier in den makellos schönen Spiegelsaal ein. Wie beim ersten Mal schwiegen sie lange, dann aber wurde aus ihrem Lächeln wieder Singen und Tanzen. -

Doch eine große Überraschung stand ihnen noch bevor. Als Mohtaf nämlich in die Nähe der Türe zum Töneturm kam, tat sich diese ganz von selbst auf und die lange vermißten und herbeigesehnten Klänge drangen an die Ohren der Kinder. Da hielt sie nichts mehr. Jubelnd liefen sie die blauen Stufen hinauf zu den Instrumenten. Sie sangen und musizierten mit ihnen zusammen, bis draußen wieder die Sonne unterzugehen begann. Andächtig bestaunten sie das prächtige Farbenspiel der sinkenden Sonne. -

Als sich seine Freunde verabschiedet hatten und mit der Kutsche abgefahren waren, stieg Mohtaf überglücklich in sein Bett.

Mitten in der Nacht geschah das seltsame. Er hörte, wie eine der Schranktüren knarrte und sah, wie dem Schrank an der Außenwand nach und nach junge Frauen in wehenden Gewändern entstiegen. Als zwölf Feen versammelt waren, begannen sie zu musizieren und ganz lieblich zu singen. - Wunderschön! -

Mohtaf lächelte leise.




Nachwort

Lieber Freund,

ich danke Dir, daß Du Dir die Mühe des Lesens gemacht hast. Wenn es Dich noch interessiert, wie ich zu den seltsamen Namen kam, so schau Dir folgendes an:

Erklärungen
Mohtaf (engl. a. fig.) fathom = ergründen
Eknese (franz.) essence = Sein, Wesenheit
Erecnis (franz.) sincere = gerade, aufrichtig
Eneicisum (franz.) musicienne = Musikerin
Nosireug (franz.) guerison = Genesung
Erised = Begierde
Flub (franz.) bluff = Flunkerei
Sirc (franz.) cris = Geschrei
Secba (franz.) abces = Geschwür
Nosiop (engl.) poison = Gift
Stebeg-Zimmer von hinten gelesen = Gebets-Zimmer





Interpretation

Verfasser: Aquamarin


Versuch einer Interpretation der Mohtaf Geschichte aus dem Blickwinkel der Verwendung archetypischer und symbolischer Bilder der „Sprache“ des Unbewussten.

Vorweg möchte ich der Verfasserin der Mohtaf Geschichte meinen Respekt ausdrücken. Die Erzählung hat mich schon nach wenigen Worten in ihren Bann gezogen, so eindrücklich und kraftvoll übertragen sich mir die darin verwandten Bilder.

Und ist dabei bei der Darstellung der Wandlungen so einfühlsam und sensibel, dass genug Raum bleibt, um sich in Teilen selbst darin finden zu können.

Diese Interpretation erhebt keinen Anspruch auf Alleingültigkeit oder Vollständigkeit, stellt einfach meine Wahrnehmung der Geschichte dar und ist damit naturgemäß auch überlagert von meinen eigenen Erfahrungen und geprägt durch meinen Erkenntnishorizont.

Somit stellt sie eine Spiegelung dar, die trotzdem vielleicht hilfreich sein kann, einige spezielle Aspekte der Geschichte zu verdeutlichen und zu vertiefen.

Im Wesentlichen haben sich mir beim Lesen der Mohtaf Geschichte vier Phasen übertragen.

Zum ersten die Zeit der Bewusstwerdung, die für mich die ideale und ungetrübte Entwicklung des Bewusstseins eines Menschen illustriert, danach eine Latenzphase, die ich am ehesten als die „Vorbereitungsphase“ für die folgenden Ereignisse empfinde, danach die Zeit des eigentlichen Missbrauchs und der damit verbundenen zerstörerischen Folgen und Auswirkungen auf die kindliche Psyche und das kindliche Bewusstsein und zuletzt die konzentrierte Darstellung, wo und wie Hoffnung auf Heilung von den Folgen zu finden sein könnte.

Die Geschichte beginnt mit einer symbolischen Darstellung, wie die Welt des Bewusstseins strukturiert ist.

Der große König symbolisiert demnach die „große, universelle Vater Figur“ und damit auch das universelle Bewusstsein der Menschen allgemein ( nach Alexander Mitscherlich ).

Mohtafs eigener Anteil an der Geschichte beginnt damit, dass ihm von einem Boten dieses großen Königs der Schlüssel für sein eigenes Haus überbracht wird. Dabei steht das Haus in der Symbolik des Traumes für den Träumer selbst, sein Zustand sagt viel über den Träumer, sein Selbstbild und sein inneres Bild, aus.

So kann es kaum verwundern, dass Mohtaf, als er sich mit dem Boten auf den Weg zu seinem Haus macht, an vielen, teils seltsamen Gebäuden vorbei kommt, die die Stimmigkeit dieser Interpretation durch ihre Vielfalt und Einzigartigkeit stützen.

Sein eigenes Haus ist ein kleines Schloss mit fünf Türmen. Mir haben sich diese Türme beim Lesen der Geschichte nicht eindeutig als wirkliche Bestandteile des eigentlichen Hauses von Mohtaf übertragen, vielmehr hatte ich den Eindruck, dass durch und in diesen Türmen ( der Turm steht allgemein auch als Symbol für Macht ) ein bedeutsamer Einfluss aus dem „Außen“ auf den Kernbereich von Mohtafs Seelenhaus zum Ausdruck kommt.

Eine denkbare Erklärung wäre, dass es für Mohtaf als Aufgabe gilt, sich die besonders machtvollen Inhalte dieser Türme zu eigen zu machen, sie als lebendigen Bestandteil in sein Leben zu integrieren.

Dabei scheint es mir auch bedeutsam, dass es ausgerechnet FÜNF Türme sind, die an das Schlösschen angebaut sind. Stellt diese Zahl als Gesamtheit und Verbindung aus männlichem und weiblichem den Wesenskern, den „natürlichen Menschen“ in innerer Harmonie dar.

Bei der Beschreibung des ersten Eindruckes, den das Schlösschen auf Mohtaf macht, ist mir, so wie noch oft in der Geschichte, die besondere Betonung der Farbqualität einzelner Objekte aufgefallen.

Hier dominiert die Farbe weiß und damit ihre allgemein bekannte Qualität als Ausdruck von Reinheit und Unschuld.

So sind die Kinder im Reich des großen Königs alle in weiße Gewänder gekleidet, das Schlößchen Mohtafs ist aus hellen Steinen gebaut, auch später noch wird eigens die Eigenschaft, von weißer Farbe zu sein, betont.

Der Bote des großen Königs überreicht Mohtaf den Schlüssel für sein Schlösschen ( der Schlüssel steht allgemein als Symbol für Selbständigkeit, Autonomie, dafür, ein Stück weit die Kontrolle zu haben ). Neben der Eingangstür von Mohtafs Schloss hängt eine silberne Glocke. Die Wahl des Materials scheint kein Zufall, da es sich bei Silber um ein Edelmetall handelt, also eine Substanz von besonderem Wert. Silber wird im allgemeinen mit der Welt der Gefühle assoziiert und auch die Eigenschaft, aus Silber zu sein, wird noch mehrfach in der Geschichte betont.

Mohtaf betritt sein Seelenhaus erst, nachdem er die silberne Glocke neben der Eingangstüre geläutet hat. In der Symbolik der Glocke steckt die Bedeutung, eine Botschaft auszusenden, etwas anzukündigen. So kündigt Mohtaf dem Haus die Ankunft des Besitzers an, was sich auch ausdrückt in der Beschreibung, wie der Klang der Glocke den eintretenden Mohtaf noch eine Weile begleitet.

Den ersten Raum, den Mohtaf betritt, erklärt er zu seiner Bibliothek.

Bei der Beurteilung der Räume liegt ein besonderes Augenmerk darauf, sich klar zu machen, dass im Traum die Räume eines Hauses in Verbindung gebracht werden mit den einzelnen Gefühls-, Bewusstseins- und Bedürfnisebenen des Träumers, in diesem Falle also des kleinen Mohtaf.

Seine Bibliothek entspricht meinem Gefühl nach also am ehesten dem, was man so mit dem bewussten Gedächtnis gleichsetzen könnte. Dadurch, dass Mohtaf einen ersten Eindruck seines Hauses niederschreibt, empfindet er selbst, dass er das Haus nun in Besitz genommen hat.

Zum Aufschreiben findet er WEIßES Papier und BUNTE Malstifte. Dies ist nicht der erste Hinweis auf vielfältig bunte Farben in der Geschichte, schon vorher, bei der Beschreibung der Kleidung, wird das bunte Band betont, das das weiße Gewand der Kinder gürtet. Ebenso im buntschillernden Glas, der unzähligen Farben im Blumenzimmer, die bunten Farben im Spielzimmer. Für mich ist diese Vielfalt Ausdruck der fast unbegrenzten Möglichkeiten, über die ein Kind verfügen kann, wenn es im Prozess seiner Bewusstwerdung ungestört bleibt.

Der zweite Raum, den Mohtaf erkundet, ist ein Speisezimmer. Es ist geräumig und bietet damit viel Platz für Gäste. Mohtaf selbst entscheidet sich für einen kleinen gedeckten Tisch für eine Person. Dieser ist, wie das übrige Zimmer, reich geschmückt mit silbernen Kerzenleuchtern mit roten Kerzen. Wieder finden wir im Silber den Bezug zur Gefühlsebene, in der Farbe rot kommt vitale Lebensenergie zum Ausdruck, sie steht für Leidenschaft, die unter Umständen bis zur Aggressivität gesteigert sein kann. Im Zusammenhang mit diesem Raum überträgt sie sich allerdings vor allem als Ausdruck für die Lebenskraft, mit der dieser Bereich allein schon durch den Bezug zur körperlichen Nahrung verbunden ist.

An Mohtafs Tisch brennen die Kerzen, was ihnen zusätzliche Energie verleiht. Das Licht der Kerzen steht symbolisch für Licht der Erkenntnis und Lebenslicht. Daneben gilt die Kerze schon seit der Antike als männliches Sexualsymbol.

In diesem Raum findet auch eine erste Begegnung mit einem Turm statt.

Was ich bemerkenswert finde, ist, dass es Mohtaf zunächst schwer fällt, den Zugang zu dem Turm zu finden. Nur, weil er weiß, da muss einer sein, gelingt es ihm, diesen aufzutun. Dahinter findet sich die Küche. Als Ort der Nahrungsbereitung ( und damit dürfte wohl nicht nur die körperliche, sondern auch die seelisch, geistige Nahrung gemeint sein ) ist es ein zentraler, wichtiger Ort im Haus. In seiner Küche übernimmt Mohtaf selbst die Aktivität. Allerdings steht die Küche auch noch in direktem Zusammenhang mit der Person, die „normalerweise“ in der Küche tätig ist, die Hausfrau/Mutter.

Nachdem Mohtaf seine körperlichen Bedürfnisse gestillt hat, ist er wieder bereit, sich geistigen Aufgaben zuzuwenden.

Der nächste Raum, den er betritt, bedarf eigentlich keiner weiteren Kommentare, die Beschreibung erklärt sich von selbst. Blumen stehen im Traum für die Gefühlswelt ( nach C.G.Jung ), auch im Zusammenhang mit dem Liebesleben ( nach Freud Bezug zur Sexualität, besonders der weiblichen ), sie drücken unter anderem Entspannung und Harmonie aus, ihre Vielfalt in Mohtafs Blumenzimmer spricht den scheinbar unbegrenzten Reichtum an Gefühlen und eröffnen ihm eine neue, fantastische Welt. Hier zeigt sich auch, dass manche Bilder in ihrem Ausdruck gleich mehrere Symbolebenen vereinen.

Danach führt sein Weg Mohtaf in einen leeren Raum. Mir überträgt sich dieser Raum am ehesten als Ort der Meditation, wo sich Mohtaf ungestört seinen neuen Erkenntnissen überlassen kann, zu sich selbst finden. Hier kommt ihm auch der Gedanke, dem großen König einen ersten Brief zu schreiben.

Um diesen Brief zu verschicken, begibt sich Mohtaf zu dem großen Baum, der vor seinem Schloss steht. Der Baum steht als Symbol für das Leben schlechthin, für Schutz und Sicherheit. Er verbindet den Himmel mit der Erde durch seine Äste, die in den Himmel ragen und seine Wurzeln, die fest im Boden gründen. Mohtaf fragt die Vögel, die in dem Baum wohnen, ob sie seine Botschaft überbringen werden. Vögel sind als Geschöpfe der Luft Sinnbilder des Geistigen, es scheint kein Zufall, dass Mohtaf sich ihrer bedient, um dem großen König ( dem universellen Bewusstsein ) eine Nachricht zukommen zu lassen.

Im nächsten Raum nun wird wieder einem körperlichen Bedürfnis von Mohtaf Rechnung getragen. An den Schlafraum angeschlossen ist ein Baderaum. Als Ort der Reinigung und Klärung hat dieser eine bedeutende Funktion. Hier kommt Mohtaf nicht nur mit seinem Unbewussten in Kontakt ( symbolisiert durch Wasser ) sondern durch die Nacktheit beim Bad auch mit der eigenen Sexualität. Diese Begegnung findet auf ganz natürliche Weise und völlig unbeklommen statt.

Nach dem Bad begibt sich Mohtaf zur Ruhe.

In der Nacht ereignet sich etwas Seltsames und wieder steht es im Zusammenhang mit einem der Türme. Allgemein ist die Nacht die Zeit des Unbewussten, Unbekannten. Und so kann Mohtaf auch die Bedeutung der Begegnung mit den zwölf ( Zahl der Vollendung und des Neubeginns ) jungen Frauen, die später in der Geschichte als Feen bezeichnet werden, nicht wirklich erfassen, empfindet diese Begegnung jedoch als durchweg positiv. Feen repräsentieren als gute Fee hilfreiche Ratgeber, die gute Mutter ( nach E.Neumann ) und Weiblichkeit ( Anima im Sinne Jungs ) im allgemeinen. Die Musik steht dabei wieder als Ausdruck der Gefühle, der Seelenmusik, auch sie wird symbolisch wiederholt auftauchen.

Diesmal findet Mohtaf gar keinen Zugang zu dem Turm, auch nach langem Suchen nicht, was ich verstehe als einen Ausdruck dafür, dass es sich bei dem Inhalt der Feensymbolik um etwas „großes“ handelt, das dem kleinen Mohtaf nicht direkt zugänglich ist, aber dennoch einen bedeutsamen Einfluss auf ihn hat.

Am nächsten Morgen betritt Mohtaf einen Raum, der am ehesten wohl Ausdruck der Kreativität und natürlichen Begabungen und Neigungen des Jungen ist. In diesem Raum kann Mohtaf Dinge kraft seiner Gedanken lenken und entstehen lassen. Auch hier spielt wieder ein Turm eine wichtige Rolle, er enthält alle notwendigen Materialien, die Mohtaf benötigt, um über seine vollen Möglichkeiten verfügen zu können. Die genaue Bedeutung dieses Turmes erschließt sich mir allerdings nicht.

Auch in diesem Raum wird wieder die große Vielfalt der Möglichkeiten zum Ausdruck gebracht, über die das Kind verfügen kann. Besonders auffallend ist die ausführliche und liebevolle Beschreibung der tanzenden Pärchen, die Mohtaf in ihrem respektvollen Umgang miteinander als Ideal eines liebenden Paares empfindet.

Der Raum, den Mohtaf danach erkundet, hinterlässt einen besonders tiefen Eindruck bei ihm. Es scheint kein Zufall, dass es sich dabei um den siebten Raum handelt, die sieben ist eine besondere Zahl, in vielen biblischen Geschichten sogar eine heilige Zahl.

Dieser Raum ist dunkel ( Dunkelheit = Abwesenheit von Licht und damit von Erkenntnis ) und diese Dunkelheit beunruhigt Mohtaf. Dennoch versucht er durch die weiße Kerze, die er findet, etwas Licht ins Dunkel zu bringen und den Raum zu erkunden. Dabei findet er den Aufgang zu einem weiteren Turm. In diesem Turm führt eine Treppe ( Symbol für Wandlung ) links ( = Seite der Gefühle ) nach unten ( in den Keller (?) = Ort, an dem man sein Bewusstsein findet oder verliert nach C.G.Jung ) und rechts ( = Seite des Geistes ) nach oben ( Dachboden (?), Ort erster sexueller Begegnung ( nach Jung, vgl. Dornröschen) und tabuisierter Gedanken ). Durch Verschließen der Türe versucht Mohtaf die Bedrohlichkeit, die dieser Raum ihm hinterlässt, zu kontrollieren. Dabei ist der Sinn und die tiefere Bedeutung dieses Raumes zunächst einfach nur unbekannt und womöglich nur dadurch bedrohlich. Mir überträgt er sich im Gesamtzusammenhang der Geschichte zum Zeitpunkt der ersten Begegnung eventuell als die noch unentwickelte und deshalb unbekannte ( körperliche ) Sexualität des kleinen Mohtaf. Später wird dann der Raum mit nur vordergründig kostbaren Dingen angefüllt und dadurch künstlich, aber eben missbräuchlich, belebt. Und erhält vielleicht auch nur dadurch seine dann negative Bestimmung und Wirkung.

Nach dieser Begegnung deutet sich eine erste Veränderung an. Als Mohtaf sich in sein Blumenzimmer begibt, um sich über den bedrückenden Eindruck des Raumes hinwegzutrösten, lassen dort einige Blumen traurig die Köpfe hängen. Mohtaf erkennt, dass der Weg ins eigene Bewusstsein mit Verantwortung und Verpflichtung den anvertrauten Räumen und ihrem Inhalt gegenüber verbunden ist.

Als er sich aber bewusst um die geschädigten Blumen ( Gefühle ) kümmert, blühen diese fast noch schöner, als zuvor.

Der achte Raum ( acht als Zahl der Ganzheit ) birgt eine besondere Überraschung. Spiegel sind bedeutende Symbole ( siehe wissender Spiegel nach C.G. Jung z.B. bei Schneewittchen). Sie ermöglichen ( Selbst-) Reflexion und damit eine Möglichkeit, sich zu vervollkommnen. Daneben enthält dieser Raum das Symbol der Halbkugel ( in Form der Kuppel ). Die Kugel gilt als Symbol der Ganzheit und Vollkommenheit, die Halbkugel kann also als Weg dorthin verstanden werden. Daneben gibt es auch in diesem Raum wieder einen Aufgang zu einem Turm, den Mohtaf mehr zufällig entdeckt. Die Treppe, die Mohtaf hinter der Tür findet, ist mit einem tiefblauen Teppich belegt. Die Farbe Blau ist die Farbe der Seele, der Treue, der tiefen Gefühle, der romantischen Liebe. Die Qualität der blauen Farbe von besonderer Bedeutung, blau wie der Himmel ( mehr geistig ) oder wie das tiefe Wasser ( die Tiefe der Seele, des Unbewussten ). Dass auf diesem Turm Instrumente eine eigene (Seelen-) Melodie spielen, kann nicht überraschen. Auch kann Mohtaf von diesem Turm aus weit hinaus in die umliegende Welt schauen.

Danach verspürt Mohtaf den Wunsch, selbst ( seine ) Musik spielen zu können.

In seinem Schloss beginnt eine Zeit der inneren Zufriedenheit, des Eins sein mit sich selbst und der Selbstfindung im Einklang mit den Regeln des „großen Königs“.

Nun folgt eine bedeutende Begegnung.

Drei ( diese Zahl wird mit Jugend, Spannung, Wandel und Übergang gleichgesetzt ) Kinder sind für drei Tage seine Gäste.

Schon die Art, wie diese Begegnung zustande kommt, zeichnet sich durch großes Einfühlungsvermögen und respektvolle Zurückhaltung aus. Die Kinder kündigen ihren Besuch nicht nur durch Klopfen, sondern auch durch die silberne Glocke ( Botschaft, dass etwas neues kommt ) an. Ihr erster Weg mit Mohtaf führt in dessen Bibliothek, wo er weiße Kerzen entzündet ( Licht = Erkenntnis ), um die Kinder zu betrachten. Auch hier wieder die weißen Gewänder als Ausdruck für Reinheit und Unschuld. Zusammen sind die Kinder drei Jungen und ein Mädchen.

Dieses Zusammensein eröffnet Mohtaf neue Horizonte.

Er erfährt, wie schön es ist, seine Schätze zu teilen.

Am ersten Tag verbringen die Kinder die meiste Zeit im Blumenzimmer Mohtafs.

Dass Eneicisum sich so besonders für eine BLAUE Blume ( nach Novalis Symbol romantischer Sehnsucht ) interessiert, spricht für sich.

Diese Blume beschließt Mohtaf als Ausdruck seiner Zuneigung an sie zu verschenken, was in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um eine seiner Gefühlsblumen handelt, eine besonderes Gewicht bekommt. Unbewusst schafft er damit eine Verbindung, die ihm später noch hilfreich sein wird.

Mohtaf bastelt künstliche Schmetterlinge ( Ausdruck für Wandelbarkeit und Begeisterung und Seligkeit, der Kinder-Seele nach R. Steiner ) die er mittels seiner selbstgespielten Musik „beleben“ kann. Auch dieses Spiel teilt Mohtaf mit seinen Freunden. Und das gemeinsame Ausprobieren, wie sich ihr eigener Ausdruck durch ihre eigene Musik in dem Spiel der Schmetterlinge wiederspiegelt, hält die Kinder für einen weiteren Tag in seinem Zauber.

Am dritten Tag zeigt Mohtaf seinen neuen Freunden seinen größten Schatz, den Spiegelsaal. Die Begegnung mit dem Töneturm und der Melodie Eneicisums hinterlassen bei allen Kindern einen tiefen, bleibenden Eindruck. Die Treppe zu dem Turm ersteigen, ist eine Annäherung an den Himmel, ein Ausdruck für die Bewegung in Richtung Bewusstheit und geistige Welt.

Auffallend, dass die Kinder immer dann, wenn es dunkel wird ( das symbolisch Unbewusste, Unbekannte an Einfluss gewinnt) nach Hause gebracht werden.

Nachdem sich diese Kinder nach drei Tagen verabschiedet haben ( aus einem nicht ersichtlichen Grund auf eine längere Reise gehen ), beginnt für mein Gefühl eine neue Phase in der Geschichte, in der der Nährboden für den späteren Missbrauch geschaffen wird.

Anfangs tröstet Motaf noch die Seelenmusik der Feen über seinen schmerzhaften Verlust hinweg, aber mit der Zeit ist keine Rede mehr davon, dass der Gesang ihn hält, auch keine Rede mehr von Botschaften an das universelle Bewusstsein.

Mohtaf beginnt seine Pflichten für sein Seelenhaus zu vernachlässigen in seinem Leid.

Mehr und mehr Zeit verbringt er im Schlaf ( gilt als symbolisch für Problemen ausweichen ) und zuletzt findet er sich zur Zeit der Dunkelheit im Wachzustand vor seinem Schloss.

Und hier begegnen ihm auch „Geschöpfe der Dunkelheit“. Hat sich Mohtaf vorher vor allem, was mit dem Dunkel zusammenhing, gefürchtet, so ist er nun in seiner Not bereit, sich auch darauf einzulassen, wenn es seine Verlassenheit beenden kann.

Unkritisch lässt er sich auf die vier Kinder ein. Im Gegensatz zu den anderen Kindern sind die Jungen in graue Gewänder gekleidet ( grau als Mischung zwischen weiß und schwarz, undurchsichtig, fordert auf, Unterscheidung zu treffen ) und das Mädchen in rot ( deutet hier auf einen anderen Ausdruck weiblicher Zuneigung im Sinne von Leidenschaft und Gefährlichkeit des Gefühls durch Kontrollverlust hin ).

Wieder findet die erste Begegnung im Haus in der Bibliothek statt, nur diesmal ist Mohtaf müde ( sein Bewusstsein ist schwach ). Schon bei dieser ersten Begegnung überlässt Mohtaf seine kostbaren Aufschriebe unkontrolliert dem Zugriff der neuen Freunde, ohne sich wie vorher einen genauen Eindruck über das Wesen der Kinder zu verschaffen.

Vielleicht ist dieses Handeln auch noch Ausdruck des Urvertrauens, das er durch die erste, durchweg positive Begegnung mit den drei Freunden erworben hat.

Die nun folgende Zeit ist gekennzeichnet durch zunehmende Oberflächlichkeit des Erlebens.

In dieser Welt ist alles durch den äußeren Schein geprägt.

Waren mit den ersten Freunden die Erfahrungen gemeinsam aus dem Innern gewachsen, so kommen die Eindrücke nun aus dem Außen.

Mohtafs Leben spielt sich mehr und mehr im Dunklen ab, er verschläft den Tag ( Zeit der Bewusstheit ), lässt sich von scheinbaren Kostbarkeiten „blenden“. Der ROTE Stein steht beispielhaft für das Funktionsprinzip dieser Welt. Er ERSCHEINT wie eine Sonne, dabei schließt die Qualität, ein Stein zu sein ( symbolisch für Härte/Kälte/Unbarmherzigkeit ) das gleichzeitige Vorhandensein von echter Wärme aus. Der Stein ist in goldenes ( Gold als Ausdruck höchsten geistigen Wertes ) Papier ( auch hier also wieder nur der SCHEIN von echtem Wert ) gewickelt.

Diese Bezogenheit auf Äußerlichkeiten erst macht es möglich, dass das Dunkle hinter dieser Fassade im Geheimen so viel Raum einnehmen kann.

Der endgültige Umschwung in die nächste Phase, die des Missbrauchs, kündigt sich durch das Fest an. Mohtaf überlässt seinen Gästen sein ( Seelen- ) Haus zur freien Verfügung. Die Musik, die gespielt wird, ist künstlich, wird nicht mehr vom Klang seines Inneren getragen. Zuletzt wird das Bewusstsein durch berauschende Substanzen gänzlich eingeschränkt.

An diesem Punkt tritt die Geschichte aus meiner Sicht in die Zeit des eigentlichen Missbrauchs ein, es wird drastisch geschildert, wie sich dieser auf Körper und Psyche des Kindes auswirkt.

Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.

Symbolisch äußern sich die einschneidenden Veränderungen auf vielerlei Ebenen.

Die Spinne wird in der Symbolsprache des Unbewussten mit der dunklen Seite der Weiblichkeit, dem Mutterkonflikt, nach Freud und Abraham der „furchtbaren Mutter“ und der „Angst vor dem Mutter-Inzest“ gleich gesetzt.

Ich kann diese Interpretation der Spinne aus meiner eigenen Erfahrung unzweifelhaft bestätigen.

Über Jahre wurde ich geplagt von heftigen Albträumen und halluzinationsähnlichen Bildern im Zustand zwischen Schlaf und Wachen, während dessen sich immer wieder Spinnen von gigantischer Erscheinung und Bedrohlichkeit auf mich zu bewegten und mir förmlich Todesangst einflößten. Diese Träume endeten erst, als ich mich aktiv mit meiner eigenen Missbrauchsproblematik auseinander zu setzen begann.

Das Auftauchen und der Aufenthalt dieser Spinne im Seelen-Haus von Mohtaf hinterlässt überall Spuren ihres Giftes.

Sie nimmt Mohtaf die Schlüssel zu seinem Haus und dessen Räumen ( und damit seine Selbstbestimmung und Kontrolle ) ab.

Die Spinne ernährt sich von Mohtafs Gefühls-, Seelenblumen.

Als Mohtaf nach seinem Fest auf Geheiß der Spinne sein Blumenzimmer betritt, ist dort alles zerstört. Gebrochene Blumen stehen seit dem Mittelalter für Sexualverkehr, vgl. auch das Wort „Defloration“. Mit jeder weiteren Blume, die Mohtaf bricht, wird sein Bezug zu seinen Gefühlen weniger. Auch, dass er die gebrochenen Blüten in einem Korb zu der Spinne bringt, scheint symbolisch, zumindest im Sinne der Psychoanalyse ist der Korb, wie fast jedes Gefäß, stellvertretend für die weiblichen Geschlechtsorgane zu verstehen.

Auch das Spiegelzimmer hat durch das „Fest“ deutlichen Schaden genommen, Mohtaf kann sich in den beschädigten Spiegeln nur noch verzerrt wahrnehmen = keine Möglichkeit zur klärenden Selbstreflexion. Was er sieht, ist ein hoffnungsloses und hilflos in den Fängen der Spinne gefangenes Kind.

In der Bibliothek beraubt die Spinne Mohtaf seiner Erinnerungen, indem sie ihm seine Aufschriebe wegnimmt. Dabei wird sein weißes Gewand befleckt, ihm wird seine Unschuld geraubt.

Sie betreibt „Gehirnwäsche“, indem sie Mohtaf zwingt, ihre Gedanken als seine für seine Bibliothek aufzuschreiben.

Dem Ausdruck, dass es sich dabei um ein einseitiges „Lustspiel“ handelt, bleibt nichts hinzuzufügen.

Mohtaf hat keine Chance, sich Hilfe von außen zu holen, jeder Versuch, die Wahrheit auch nur anzudeuten, wird von der Spinne unterbunden. Sie kontrolliert ihn Tag und Nacht. Sie zwingt ihn, mit ihr in einem Zimmer zu nächtigen.

Sie zwingt ihn, seinen Meditationsraum ( = Ort der Selbstfindung ) mit den Spielsachen aus dem Raum seiner Kreativität vollzustellen, so dass kein Raum mehr zur inneren Einkehr bleibt.

Mit der Zeit verliert Mohtaf alle seine anderen Erinnerungen, es scheint ihm als sei das, was er nun erlebt, seine Normalität und sein Schicksal. Mohtaf „verwandelt“ sich zuletzt in einen Teil dieser Scheinwelt, indem er selbst alle seine „dunklen“ Seiten lebt, damit er in dieser Welt überleben kann.

Und dennoch birgt die Geschichte auch Hoffnung auf Heilung.

Denn in das Drama kehren in der vierten Phase die wahren Freunde Mohtafs zurück und sie bringen das mit, was ihn retten kann.

An dieser Stelle scheinen sie mir Ausdruck und Boten des zu Beginn der Geschichte geschilderten ursprünglichen „Planes“ des universellen Bewusstseins, des „großen Königs“, zu sein. Auch ist es wohl kein Zufall, dass sie just nach einem Jahr ( hier haben wir wieder die zwölf als Symbol von Neuanfang ) auftauchen, um ihren Freund zu besuchen.

Bei ihrem Eintreffen müssen sie feststellen, dass sie keine Möglichkeit mehr haben, ihr Kommen anzukündigen, die Glocke am Eingang des Schlösschens ist abgefallen.

Sie stellen in ihrer Reinheit das Ideal dar, wie sich die Entwicklung eines Menschen vollziehen sollte und indem sie Mohtaf als Erinnerung begegnen, reaktivieren sie das „alte“ ursprüngliche Programm, das latent trotz der äußeren Beeinträchtigung noch immer vorhanden war.

Erinnerungen an die Zeit vor dem Missbrauch.

Der Weg zur Heilung führt für den kleinen Jungen über das Wiedererlangen seines Bewusstseins.

Es ist die Eneicisum-Blume als Symbol seiner reinen, unschuldigen Zuneigung und die Melodie, als Klang seiner unbefleckten Seele, die Mohtaf zurück in seine ursprüngliche Kraft bringen.

Die Entscheidung, sein Leben nun wieder in SEINE Hände zu nehmen, muss Mohtaf alleine treffen und auch den Weg der Auseinandersetzung mit der Spinne kann er nur allein beschreiten.

Die Freunde betonen ihm, wie wichtig es für seine vollständige Genesung ist, dass er sich SEINE Erinnerungen VOLLSTÄNDIG zurückerobert, die Schlüssel zu SEINEM Haus ( und damit seine Selbstbestimmung ) wieder bekommt.

Interessant ist, wie die Spinne nach dem durchstandenen Kampf ihre Bedrohlichkeit verliert, ihre Macht über Mohtaf gebrochen ist, als er ihr falsches Spiel durchschaut.

Und auch die Beschreibung des Kampfes selbst schildert sehr eindringlich, wie schwierig, gefährlich und belastend die Konfrontation mit den zerstörerischen Seiten des Missbrauchs ist. Dass sie schlussendlich nur gelingt, weil ein tiefes Vertrauen in die Möglichkeit der Genesung vorhanden ist, wenn man es schafft, sich den schlimmen Dingen voll zu stellen.

Dass Mohtaf seine Erinnerungen auf dem Dachboden ( Ort der „verbotenen“ Gedanken ) des dunklen Turmes findet, kann kaum überraschen.

Mohtaf beseitigt die Erinnerung an die Schreckensherrschaft der Spinne nicht, er behält sie, allerdings getrennt von seinen anderen Schätzen, kontrolliert in dem Raum, mit dem auch die schlimmsten Erfahrungen begonnen haben.

Es gelingt ihm, sein Seelenhaus neu aufzubauen und herzurichten. Auch den Garten seiner Gefühle kann er dank der Eneicisum-Blume wieder neu anlegen.

Selbst sein zerstörtes Spiegelzimmer lässt sich mit Hilfe des universellen Bewusstseins wieder herrichten. Und der Zugang zu dem Turm seiner Seelenmelodie öffnet sich dem tapferen Kämpfer nun sogar von allein.

Dieses Ende macht Hoffnung, dass man zwar nicht die Spuren des Erlebten völlig beseitigen kann, aber dennoch ein besonders schönes Haus der Seele bewohnen kann, wenn man sich mutig dem Grauen stellt.

Ein schönes, tröstliches und optimistisches Ende.

Die Geschichte hat mich tief berührt und gefangen genommen in ihrer Intensität.

Ich hoffe, dass meine Gedanken dazu beitragen können, die Tiefe der Geschichte ein wenig zu illustrieren.

Anmerkung von mir: meine Schwester T. weiß bis heute nichts von einem eventuellen Missbrauch, wie es Aquamarins Interpretation nahelegen würde. Ich selbst habe keinerlei Erinnerungen an irgendetwas, dass bei einer meiner beiden Schwestern ein sexueller Missbrauch durch meine Mutter stattgefunden hätte - mein Gefühl hält eher einen sadistischen Missbrauch für möglich. Es gibt jedoch eine Rückmeldung von der Täterin selber: Bei der Aufdeckung meines eigenen sexuellen Missbrauchs gab es ein Telefongespräch mit meiner Mutter, in dem sie nicht nur meinen sexuellen Missbrauch zugab und bestätigte, sondern "nebenbei" auch erwähnte, dass (so wörtlich) "meine Geschwister" ebenfalls (von sexuellem Missbrauch) betroffen sind. Diese Aussage stammt also aus dem Mund der Täterin zu einem Zeitpunkt, als sie offenbar die Angelegenheit durch ihr Geständnis wieder in Ordnung zu bringen suchte. Leider war ich bei diesem Telefongespräch so außer mir, dass ich nicht glauben konnte, dass alle meine Geschwister betroffen sein sollten - ich hoffte nur inständig, dass außer mir nur mein jüngerer Bruder betroffen ist (an dessen Missbrauch ich teilweise Erinnerungen habe). Wie mir heute erst klar ist, hat meine Mutter damals bei dem Telefongespräch aber von "meinen Geschwistern" ohne Einschränkung in der Plural-Form geredet, dessen bin ich mir sicher. Wenn man dieses Täter-Eigenaussage ernst nimmt, dann müssten eigentlich alle meine Geschwister gemeint gewesen sein. Theoretisch wäre es aufgrund der Plural-Form noch möglich, dass außer mir noch zwei weitere Geschwister, also "nur" 3 von 4 Geschwistern betroffen sind. In jedem Falle muss darunter auch ein Mädchen sein, d.h. man muss mit dem Vorliegen von Mutter-Tochter-Inzest in jedem Falle rechnen.


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