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Tipps zur Therapeuten-Suche

Zusammenfassung: das A und O beim Herauskommen aus drängenden Krisen ist, selbst die Initiative bei der Hilfe-Suche zu ergreifen und sich nicht vom Gesundheitswesen treiben oder gar in die nächstbeste Psychiatrie einweisen zu lassen, sondern die Heilung bewusst selbst in die Hand zu nehmen! Dies kann dir niemand abnehmen! Du bist es dir selbst schuldig, für deine Heilung auf gute Weise zu sorgen!

Fehlinformationen

Immer wieder tauchen in Internet-Foren Leute auf, die behaupten, man könne von Missbrauch auch ohne Therapie heilen (oder mit seinem Leben ohne Therapie besser zurechtkommen). Oder in einer anderen Variante: nimm einfach das Mittel X (z.B. umstrittene oder unzulässige / illegale Heilmethoden aus der Esoterik- oder Psycho-Guru-Szene wie Reiki [siehe http://www.agpf.de/LG-Koblenz3HO73-2000.htm] oder Bachblüten [siehe http://www.gwup.org/ueberuns/zentrum/bach-bluetentherapie-info.pdf] oder andere pseudowissenschaftliche "Heilmethoden"). Oder in einer weiteren Variante: anstatt die Ursachen seiner dissoziativen Störungen durch Traumatherapie anzugehen, werden vollkommen andere Dinge wie Ergo- oder Körpertherapie oder Kunst- und Musiktherapie oder andere Spezialtherapien aus dem Verhaltenstherapie-Spektrum gemacht, die von seriösen Therapeuten allenfalls als optionale Ergänzung bei speziellen Folgeschäden und Defiziten empfohlen werden, um auf diese Weise das Kernproblem nach wie vor unbehandelt zu lassen und trotzdem der festen Überzeugung zu sein, man würde alles für seine Heilung tun, was man nur könnte - mehr als das könne man einfach nicht, mehr verkrafte man wirklich nicht (eine häufige Überlebensstrategie, die leider fatal sein kann).

Von den Verfechtern dieser Thesen wird suggeriert, man könne all das, was in einer ordentlichen Psychotraumatherapie bei einem ausgebildeten und amtlich zugelassenen Psychotherapeuten an Heilungseffekten erzielt werden sollte, auch so (z.B. durch die Hilfe anderer Überlebender oder durch nichtzugelassene Esoterik-Mittel oder ganz andere zugelassene Therapieformen) erreichen.

Stimmt das?

Es geht nicht um die Frage, ob man genug macht, sondern ob man das Richtige macht. Ich versuche eine Antwort darauf einmal mit Hilfe einer Satire zu geben: Jemand entdeckt ein sehr langsam wachsendes Geschwür an seinem Bein. Ein Freund meint, es könne sich um Krebs handeln, und man erschrickt. Also, was tut man jetzt? Man hat schließlich mehrere Möglichkeiten. Man kann zum Arzt gehen, oder man kann es bleibenlassen. Weil man nicht zu den Leuten gehören will, die ihre Gesaundheitsprobleme einfach ignorieren und hinausschieben, tut man also etwas. Zu welcher Sorte von Arzt man geht, kann man wählen. Anstatt zu einem Spezialisten für Krebs zu gehen, geht man lieber zu einem Orthopäden und lässt sich Prothesen machen, damit die beginnende Einschränkung der Bewegungsfreiheit ganz gezielt von einem Fachmann angegangen wird. Dem Orthopäden (einem absoluten Weltspitzen-Fachmann auf seinem Gebiet) sagt man, dass es sich um eine harmlose Geschwulst handelt. Durch den anschließenden Erfolg der Wiederherstellung seiner Bewegungsfähigkeit bestätigt man sich selber, dass man alles getan hat was man nur konnte. Zusätzlich geht man zu einem Kosmetik-Spezialisten. Da man gehört hat, dass laut wissenschaftlichen Studien Warzen mit Hilfe von Handauflegen und Besprechen weggehen, belegt man einen Volkshochschul-Kurs, in dem einem beigebracht wird, wie man Warzen durch Handauflegen behandelt - schließlich hat man ja so eine Art Warze. Außerdem schadet es nicht, in die Kirche zu gehen und dort eine Kerze anzuzünden (wobei man insgeheim diejenigen Kollegen bedauert, die sich ausschließlich auf dieses Mittel verlassen). Leider fängt die "harmlose Geschwulst" nach ein paar Jahren an, ziemlich weh zu tun. Da hat man jahrelang wirklich alles getan und alles gegeben, was man konnte, und nun das! Daran können nur die Schulmedizin oder genauer gesagt die Schulmediziner-Persönlichkeiten Schuld haben, denn schließlich ist man ja zum besten Orthopäden gegangen, den man finden konnte! Da man sich also nach mehreren Jahren Therapie-Erfahrung nicht auf die Schulmediziner verlassen kann, liest man die medizinische Fachliteratur selbst und entdeckt schließlich das ultimative Mittel schlechthin: Schmerzmittel. Endlich! dieses hilft wirklich. Und das beste daran ist: man braucht das Geschwür gar nicht zu entfernen und durch etwas anderes zu ersetzen, man kann damit leben, ja wirklich prima leben, und sein Leben genießen wie noch nie zuvor! Nichts gibt einem einen unverwechselbareren Charakter als gerade das, was das Schicksal uns gegeben hat, und manchmal trage ich mein Geschwür sogar mit Stolz! Man kann dann noch ein gutes Werk tun, indem man seine extrem guten Erfahrungen mit Schmerzmitteln in einem Internet-Forum für Geschwürleidende anpreist und den Leidensgenossen diese Art von Therapie wärmstens empfiehlt, da sie einem selber nachweislich am besten (von allem, was man ausprobiert hat) geholfen hat (schließlich hatte das Krebsgeschwür vorher immer extrem wehgetan und ist auch durch Kerzenanzünden und Handauflegen nicht weggegangen). Leute aus dem Geschwürleidens-Forum, nehmt unbedingt die Schmerzmittel gleich von Anfang an, dann spart ihr euch viele mühsame Umwege! Die anderen im Forum meinen daraufhin, achja, das ist ja hochinteressant - aber es gibt ja noch soooo viele weitere Wahlmöglichkeiten und Therapieformen, die man alle unbedingt ausprobieren muss. Denn jedes Krebsgeschwür ist einzigartig und erfordert eine einzigartige Therapieform - nur der Patient kann wissen, welche Therapieform für ihn die einzig richtige ist, und jeder Heilungsweg ist einzigartig. Nur durch Ausprobieren kann man diesen seinen ureigensten Weg für sein höchstindividuelles Krebsgeschwür finden!

Ok, also Spaß beiseite, werden wir ernsthaft. Denn mit dem Thema ist nicht wirklich zu spaßen.

Wer glaubt, die Satire ginge ihn nichts an, da man Missbrauchs-Folgen nicht mit langsam wachsenden Krebsarten vergleichen könne: laut wissenschaftlichen Untersuchungen haben Missbrauchs-Überlebende ein rund 5-fach erhöhtes Selbstmordrisiko.

Nochmal: nicht 5%, sondern fünf-fach, also 500 Prozent! Und es gibt in Deutschland rund doppelt soviele Selbstmorde wie Verkehrstote.

Missbrauchs-Schäden sind tödliche Krankheiten!

Die klassische Selbsthilfe (sei es im Internet oder in einer Gruppe) kann einen tatsächlich an einigen wenigen Stellen weiterbringen. Es gibt sogar einige wenige Heilungseffekte, die nur dort (oder in einer anderen Form von Gruppen-Setting) möglich sind, nicht dagegen in einem Einzeltherapie-Setting.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Dinge, die in einer Gruppe schlichtweg nicht gemacht werden können. Dazu zählen unter anderem

Andere Dinge könnten zwar in der Theorie ansatzweise in einer (virtuellen) Gruppe gemacht werden, aber wohl kaum in der Praxis, beispielsweise Es gibt also wichtige Dinge (darunter die extrem wichtige Trauma-Bearbeitung), die nur in einem Einzelsetting sinnvoll gemacht werden können. Andere Dinge sind in einem Gruppensetting besser aufgehoben. Darüber hinaus gibt es noch Dinge, die nur im realen Leben geübt werden können. Eine Einzeltherapie ist kein Allheilmittel, deckt aber gerade die besonders wichtigen Kernschädigungen ab. Wer jedoch glaubt, die Kernschädigungen auch vollkommen ohne Therapie oder mit einer pseudowissenschaftlichen "Therapie" erfolgreich behandeln zu können, der befindet sich auf dem Holzweg.

Weshalb? Ich würde es nie wagen, jemandem zu empfehlen, nicht zum Arzt zu gehen, wenn er etwas potentiell Gefährliches auch nur haben könnte. Wenn etwas nach einem Beinbruch aussieht, werde ich niemals versuchen, das ohnen einen Chirurgen selbst zu schienen (oder ihm "Selbsthilfe" mittels Reiki oder Bachblüten zu empfehlen). Einige Leute im Internet sind aber mit analogen Empfehlungen sehr schnell bei der Hand.

Mein Gewissen verbietet es mir, Empfehlungen zu unterstützen, eine traumaorientierte Psychotherapie sei nicht nötig, oder man könne sie durch etwas anderes ersetzen.

Meine persönlichen Erfahrungen mit meiner selbst initiierten Psychotherapie bei einem kompetenten und einfühlsamen Psychotherapeuten sind so gut (Überwindung einer PTBS mit Dekompensation, erste Besserung bereits nach 1 Monat, weitgehende Beschwerdefreiheit und die beste Lebensfähigkeit meines gesamten Lebens nach 3 Jahren), dass ich das auch guten Gewissens anderen weiterempfehlen kann.

Mein Therapie-Erfolg liegt aber nicht allein an meinem Therapeuten, sondern vor allem daran, dass ich mich vorher entschieden hatte, wesentliche Veränderungen in meinem Leben vorzunehmen und dafür auch einen Einsatz zu bringen. Ich bin mit meinem traumatischen Material von mir aus auf meinen Therapeuten zugegangen und habe ihn gebeten, mir bei der Verarbeitung zu helfen. Ich habe mich nicht treiben lassen, sondern den Therapieprozess selbst vorangetrieben.

Klinik oder Einzeltherapie? Typische Probleme und Problem-Situationen bei Überlebenden

Diese Frage taucht immer wieder auf. Ich selbst habe zwar keine Erfahrungen mit Trauma-Kliniken, aber ich habe inzwischen einiges dazu beobachtet und von anderen Überlebenden erfahren.

Die meisten Überlebenden (einschließlich mir selber) versuchen am Anfang, professionelle Hilfe jeglicher Form so lange wie möglich hinauszuschieben, oder sie flüchten sich in Pseudo-Hilfen, die lediglich das Gewissen beruhigen sollen. Neben der ganz normalen Scheu, sich mit "heißen" Themen wie Missbrauch auseinanderzusetzen, spielen hier vor allem die typischen Verleugnungs- und Verdrängungs-Mechanismen eine Rolle, die letztlich eine indirekte Folge ihrer Traumatisierung darstellen und vom Betroffenen selbst kaum wahrgenommen werden (Betriebsblindheit in eigener Sache). Hinzu kommen in manchen Fällen negative Vorerfahrungen wie Psychiatrie-Schäden, meist durch Aufenthalte in Akut-Psychiatrien, wo die Ärtze nicht selten von Trauma-Behandlung überhaupt keine Ahnung haben und im günstigsten Fall außer Ruhigstellen durch Medikamente nichts wirklich Helfendes zu bieten haben, oder in manchen Fällen durch Fehldiagnosen wie Schizophrenie und Psychose-Zuweisungen Schaden anrichten und die Situation weiter erschweren. Dies kommt jedoch vor allem in Akut-Kliniken bzw. Akut-Psychiatrien vor, nicht hingegen in spezialisierten Trauma-Kliniken, die sich mit den Problemen von Überlebenden auskennen und durchaus hilfreich sein können!

Daher ist es von enormer Wichtigkeit, selber darauf Einfluss zu nehmen, wo man landet.

Leider lässt unser Krankenkassen-System in Krisen-Situationen keine Wahl, wo man landet. Für einen Platz in einer Trauma-Klinik muss man nicht nur Wartezeiten in Kauf nehmen, sondern meist auch Anträge schreiben und manchmal aufreibende Begutachtungs-Prozeduren über sich ergehen lassen.

Typischerweise befinden sich Überlebende in einer schweren akuten Krise, wenn sich die Frage der Therapie-Art stellt. Vielen Überlebenden geht es in solchen depressiven Phasen buchstäblich dreckig; es gibt oft (zumindest drohende) Einschränkungen des Lebens wie Verlust sozialer Beziehungen, Arbeitsplatzverlust, drohender sozialer Abstieg. Positiv daran ist, dass einen die Krise dazu zwingt, etwas für die Heilung zu unternehmen. Auf der anderen Seite kann die Krise (insbesondere Suizid-Handlungen, die einem nicht selten den Borderline-Stempel aufdrücken können) aber auch bewirken, dass eine nicht zuträgliche Dynamik in Gang kommen kann, vor allem wenn man mehr oder weniger "freiwillig" in eine Akut-Klinik verfrachtet wird. Unser Gesundheitswesen macht das nämlich in Akut-Fällen ganz automatisch. Das geht sogar so weit, dass man oft nicht einmal den Ort bestimmen kann; man wird einfach in die nächstgelegene Psychiatrie gesteckt (viele gesetzliche Kassen lassen weiter entfernte Kliniken nicht zu), egal, ob die Klinik von Trauma Ahnung hat oder ob sie dem veralteten Glauben anhängt, alles komme ausschließlich von einer fehlerhaften Körperchemie (selbst wenn man ausdrücklich auf die Trauma-Vorerfahrung hinweist; diese Leute können also die neueren Erkenntnisse der Trauma-Forschung gar nicht zur Kenntnis genommen haben!) und mit Psychotherapie könne man nach ihrer Ansicht sowieso nichts ausrichten (was dem Betroffenen den Mut und die Pespektive rauben kann, wenn man von angeblichen "Fachleuten" so etwas gesagt bekommt). Solche Einstellungen sind leider in manchen Psychiater-Kreisen immer noch verbreitet!

Ich kenne Fälle, in denen diese Psychiatrie- und Krankheitszuschreibungs-Dynamik von einem weiteren Faktor angetrieben wird: um arbeitsunfähig geschrieben zu werden, muss man sich anfangs an einen Arzt oder Psychiater wenden (ein Psychologe hat dazu im Normalfall keine Möglichkeit, weil er in dieser Hinsicht von unserem Gesundheitswesen benachteiligt wird). Dieser Arzt oder Psychiater braucht bei fortgesetzter Arbeitsunfähigkeit eine Begründung. Die einfachste und insbesondere in die traditionelle Gesundheitswesen-Dynamik am besten eingepasste "Lösung" besteht darin, dem Patienten eine "Krankheit" aus dem psychotischen Formenkreis zuzuschreiben. Dann kriegt der Patient, was er aus Sicht des Arztes / Psychiaters am dringendsten zu brauchen scheint; der hauptsächlich für organische Krankheiten ausgebildete Arzt / Psychiater verliert einen wichtigen Dauer-Patienten nicht, und die Pharma-Industrie profitiert schließlich auch davon. Manche Überlebende machen wegen der Krankschreibung, auf die sie existentiell angewiesen sind, diese Art von Fehlbehandlung freiwillig und absichtlich mit!

Hinzu kommt, dass Überlebende in einer Akut-Klinik oft nicht darüber reden können, dass sie Überlebende sind, oder entsprechende Hinweise werden von "geschienten" (voreingenommenen) Akut-Psychiatern ignoriert oder im Extremfall sogar als Anzeichen für das angebliche Vorhandensein von Halluzinationen gewertet (so geschehen in einem Fall, in dem eine Frau vom Missbrauch durch ihre Mutter berichten wollte). Dann ist die Fehlbehandlung schon so gut wie vorprogrammiert.

Ein wichtiges Problem stellt also unser Gesundheitssystem und sein Umgang mit akuten Notfällen dar. Daher ist mein wichtigster Rat: lasse es niemals auf eine Notfall-Einweisung in die nächstbeste Psychiatrie ankommen! Bestimme selber, wohin Du kommst, auch wenn das lange Wartezeiten und Anträge bedeutet! Warte auf keinen Fall, bis sich Deine Krise soweit verschlimmert hat, dass überhaupt nichts mehr geht, sondern handele jetzt!

Gegenüber dieser Hauptproblematik erscheint mir die Frage zweitrangig, ob man lieber in eine spezielle Trauma-Klinik gehen sollte oder eine ambulante Therapie machen sollte. Beide haben leider Wartezeiten, und beide haben ihre spezifischen Vor- und Nachteile.

Ich kenne andere Überlebende, die von einer Trauma-Klinik sehr profitiert haben und dort deutliche Heilungs-Fortschritte gemacht haben. Allerdings kam keiner der mir bekannten mit einer Klinik alleine aus; ambulante Fortsetzung war fast immer der nächste logische und notwendige Schritt. Daher ist ist die Klinik-Frage keine Alternativ-Frage, sondern fast immer eine Zusatz- und Ergänzungs-Frage.

Manche Überlebende erhoffen sich von wenigen Wochen oder Monaten in einer Trauma-Klinik die endgültige Lösung all ihrer Probleme. Hier sollte man realistischer sein! Trauma-Kliniken haben auch Nachteile: zwar kann man meistens mitbestimmen, in welcher Trauma-Klinik man landet, aber bei der Zuweisung eines Therapeuten innerhalb der Klinik werden diese Wahlmöglichkeiten meistens schon wieder sehr dünn. Wenn man das Pech hat, einen Therapeuten zugewiesen zu bekommen, der einem nicht so sympathisch ist oder der einen nicht so gut versteht oder mit dem die Zusammenarbeit nicht so gut klappt, dann ist die Zeit in der Klinik u.U. zu einem gewissen Teil vertan. Dieses Problem hat man bei ambulanter Therapie weit weniger, denn da gibt es meist deutlich mehr Wahlmöglichkeiten (die man allerdings auch nutzen sollte).

Im Rest dieses Artikels werde ich mich nur noch damit beschäftigen.

Wie findet man einen guten Einzeltherapeuten?

Unbedingte Voraussetzung ist, eine Therapie machen zu wollen. Wer das nicht will, der sollte es lieber bleiben lassen. Ansonsten läuft er Gefahr, einen Therapieschaden zu erleiden. Man soll nie etwas tun, wohinter man nicht wirklich steht!

Ohne Einzeltherapie geht es bei einer derart schweren Verletzung wie sexuellem Missbrauch nicht. Zwar tauchen immer wieder Leute in Internet-Foren auf, die behaupten, sie hätten ihre Heilung auch ohne Therapie geschafft. Da habe ich aber heftige Zweifel.

Deshalb: nimm die Suche nach einem guten Psychotherapeuten ernst (siehe auch Heilungs-Tipps).

Nimm nicht den erstbesten Therapeuten, den du zufällig findest!

Das heißt, du kannst ihn schon nehmen, wenn er derjenige unter mehreren Kandidaten ist, mit dem du am besten kannst.

Entscheide dich vorher, ob du lieber zu einem Mann willst, oder zu einer Frau, oder ob beides in Frage kommt. Gleichgeschlechtliche Therapeuten haben zumindest am Anfang den Vorteil, dass weniger Liebes-Übertragungen die Trauma-Therapie stören können. Andererseits kann es auch von Vorteil sein, wenn der Therapeut nicht das gleiche Geschlecht wie der Haupttäter hat.

Frage nach der Amtlichen Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde! Und zwar auch dann, wenn du privat versichert bist. Wer nicht wenigstens mit privaten Krankenversicherungen abrechnen kann, bei dem sei vorsichtig! In der Psycho-Guru-Szene gibt es auch finanzielle Ausbeuter, die nach neuer Gesetzeslage illegal arbeiten (und sich evtl. strafbar machen), wenn sie keine gültige Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde haben oder wenn sie unberechtigt die Berufsbezeichnung "Therapeut" führen. Eine amtliche Erlaubnis ist ein von einer (Gesundheits-)Behörde ausgestelltes Dokument und von einem Amtsarzt unterschrieben. Wer die staatliche Erlaubnis hat, der kann im Regelfall de facto (evtl. durch Einschaltung eines Gutachters) auch mit der Kasse abrechnen!

Psychologische Psychotherapeuten haben nach ihrem Psychologie-Diplom eine langwierige therapeutische Zusatzausbildung absolviert. Auch Ärzte mit (meist analytischer) Psychotherapie-Zusatzausbildung haben sich sehr intensiv vorbereitet.

Rufe bei mindestens 6 Therapeuten an, und mache Probestunden bei mindestens dreien von ihnen. Rechne damit, dass du mindestens doppelt bis dreimal soviele telefonische Fehlkontakte pro zustande gekommener Probestunde benötigst; das ist ganz normal! Lass dich nicht von Therapeuten entmutigen, die dich am Telefon gleich abwimmeln! Suche einfach weiter und rufe bei anderen an. Denke daran, dass es für dich ist, und dass du dir jemanden suchen solltest, der dir guttut!

Wähle in Ruhe aus und achte auf dein Bauchgefühl. Ein guter Therapeut hat gleichzeitig sehr gute Fachkenntnisse (z.B. über Trauma-Therapie wie EMDR), kann sich sehr gut in dich einfühlen (solche Therapeuten erkennt man daran, dass sie dir deine Gefühle erklären können, die du selbst nicht auszudrücken wagst) und dich dabei liebevoll verstehen. Du findest ihn sympathisch, und du hast ein gutes Gefühl wenn du ihm vertraust. Er hilft Dir, und er stärkt Deine Kräfte.

Deine Chancen, den richtigen Therapeuten zu finden, der sich mit Missbrauch und Trauma-Therapie auskennt, steigen um ein Mehrfaches, wenn du gleich am Anfang klar machst, weshalb du zu ihm kommst! Das klingt vielleicht wie eine Zumutung. Gehst du zu deinem Ohrenarzt wegen Ohrensausen, ohne ihm das zu sagen? Du kannst nur dann die richtige Behandlung kriegen, wenn du auch sagst, was du brauchst und weshalb du kommst. Gib deinem Herz einen Ruck und versuche das irgendwie auszudrücken. Wenn es dir schwer fällt, musst du ja nicht gleich "Missbrauch" angeben, sondern kannst auch erst mal "Traumatisierung" sagen und seine Reaktionen beobachten. Und wenn du immer noch in totalen Zweifeln bist, ob du auch wirklich Missbrauch oder "nur Lappalien" erlebt hast, dann sage doch einfach "Verdacht auf Traumatisierung" oder etwas ähnliches!

Wenn du schweres Fieber hast, gehst du ja auch zum Arzt, obwohl du nicht genau weisst, welche exakte Infektionskrankheit dahinter stecken könnte. Und du wirst ihm das Fieber auch nicht verheimlichen wollen! Deswegen solltest du unbedingt dafür sorgen, dass deine Trauma-Erinnerungen als Ursachen deiner Probleme in Betracht gezogen werden! Und zwar auch und gerade dann, wenn du an deine Erinnerungen im Moment nicht herankommst, weil du gerade in der Amnesie-Phase des für Trauma so typischen Oszillierens (Hin- und Herpendeln zwischen Erinnern und Vergessen) steckst. Wenn du glaubst, du hättest nichts, weil deine Flashbacks schon ein paar Monate oder Jahre her sind, dann lies den Artikel über Trauma, wo erklärt wird, dass (auch lange) Amnesie-Phasen geradezu typisch sind.

Entscheidend ist nicht, ob du im Moment gerade heftig belastende Erinnerungen hast, sondern ob du in der Vergangenheit irgendwann einmal welche hattest!

Deswegen ist es wichtig, jemanden zu finden, der dies weiß und der sich mit Trauma-Therapie auskennt.

Sondertipp: wenn du es im Moment absolut nicht hinbringst, über die Art deiner Trauma-Erinnerungen zu sprechen, dann frage einfach, ob sich der Thera mit Traumatisierungen auskennt und ob er schon einmal Trauma-Therapie durchgeführt hat. Damit machst du keine Aussage über deinen eigenen Trauma-Verdacht, sondern lässt es vorläufig offen.

Warum betone ich die Auswahl aus mehreren Kandidaten so sehr? Weil nach meinen niederschmetternden Erfahrungen mit Therapie-Versuchen mindestens die Hälfte aller deutschen Therapeuten für die Trauma-Therapie und die Therapie von schweren seelischen Schädigungen wie sexuellem Missbrauch ungeeignet ist. Unter der anderen Hälfte gibt es dagegen richtige Perlen; diese findet man aber nur durch intensive Suche und Auswahl! Eine Therapie bei so jemandem ist nicht mit Gold aufzuwiegen! Versuche unbedingt, so einen Therapeuten zu finden. Keine Entscheidung deines Lebens wird sich so für dich lohnen wie diese!

Ein ungeeigneter Therapeut kann dich Jahre an vergeblicher Therapie kosten, oder dich sogar in deinem Heilungsprozess zurückwerfen.

Hier steht etwas über mögliche Therapie-Ziele.

Literatur

Paul Hiß: So finden Sie den richtigen Therapeuten. Campus Verlag 1998.

Thijs Besems / Gerry van Vugt: Wo Worte nicht reichen. Therapie mit Inzestbetroffenen. Kösel-Verlag 1990.


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